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Buchkritik zu »Protonentherapie«

Die klassische Tumortherapie mit Röntgenstrahlen hat ein notorisches Problem: Die energiereichen Photonen entfalten ihre größte Wirkung nahe der Körperoberfläche und schwächen sich dann exponentiell ab. Die größte Zerstörung richten sie also nicht am Zielort an, sondern schon unterwegs. Nur indem man den Tumor aus verschiedenen Richtungen bestrahlt, kann man ihm überhaupt eine größere Strahlendosis applizieren als dem umgebenden Gewebe.

Ein auf den Tumor gerichteter Strahl aus Protonen dagegen richtet auf seinem Weg nur mäßigen Schaden an. Erst am Zielort zerstören die positiv geladenen Wasserstoffionen die Zellen – wie ein Steckschuss. Die Therapie ist im Prinzip nicht ganz neu; schon vor 50 Jahren wurden die ersten Patienten mit Protonen bestrahlt. Doch erst in jüngster Zeit ist durch technische Fortschritte das Verfahren in größerem Maßstab anwendbar geworden.

Hans Rinecker leitete drei Jahrzehnte eine chirurgische Klinik in München. In einem Alter, in dem andere in den Vorruhestand gehen, wagte er sich mit dem Aufbau eines Protonentherapiezentrums noch einmal an ein völlig neues Projekt. Das Zentrum hat im März letzten Jahres seinen Betrieb aufgenommen und ist das erste seiner Art in Europa.

Sein Buch zum Thema ist lebendig geschrieben, klar gegliedert und mit 55 farbigen Abbildungen reichlich illustriert. Ein umfangreiches Glossar erklärt wichtige Begriffe. Technische Details werden in einem eigenen, nach hinten gestellten Kapitel abgehandelt, was den Haupttext entlastet.

Nach der Beschreibung der biologischen Grundlagen und der Behandlungsansätze führt Rinecker das Konzept der Protonentherapie ein und vergleicht es mit dem der konventionellen Röntgentherapie. Am Beispiel ausgewählter Tumoren veranschaulicht er die vorteilhafte Dosisverteilung von Protonen im Körper. Die Ausführungen gipfeln in der Forderung: "Protonenstrahlen sind als Methode erster Wahl immer der Röntgenstrahlung vorzuziehen." Weitere neue Therapieansätze, die er ebenfalls diskutiert, stellen für ihn mittelfristig keine wirkliche Alternative dar.

Wie der Autor im Vorspann eingesteht, betreibt er im folgenden Kapitel Werbung für sein Münchner Protonentherapiezentrum. Anschaulich beschreibt er den gesamten Ablauf der Behandlung, vom Erstkontakt bis zur Nachuntersuchung. Unvermutet findet sich der Leser hier als potenzieller Patient wieder, während dieses Buch doch für einen weiten Leserkreis bestimmt ist. Aber wer darüber hinwegsieht, kann auch diese Passage mit großem Wissensgewinn lesen.

Sehr viel schwerer wiegt, dass der Autor an anderer Stelle der Werbung für sein Konzept zuliebe vor Polemik nicht zurückschreckt. So qualifiziert er in zwei ähnlichen Grafiken die Behandlung mit Röntgenstrahlen – wenn auch mit Fragezeichen – einmal als unterlassene Hilfeleistung, ein weiteres Mal als Körperverletzung, ohne konkreter zu werden. Dabei wäre durchaus wünschenswert zu erfahren, bei welchen Tumoren mit Röntgenstrahlen die therapeutisch notwendige Strahlendosis nicht erreicht wird oder nur um den Preis, dass gesundes Gewebe unverhältnismäßig stark belastet wird. Statt die Vorteile der Protonentherapie an konkreten Beispielen zu quantifizieren, begnügt er sich mit allgemeinen Dosisverlaufschemen, um die Röntgentherapie mit Pauschalkritik zu überziehen.

Für einige Fälle, vor allem tief liegende oder an besonders empfindliches Gewebe grenzende Tumore, ist die Überlegenheit der Protonentherapie unumstritten; dafür nennt Rinecker auch Beispiele. Doch für die meisten Indikationen ist nicht bekannt, ob sich der konzeptionelle Vorteil in einen besseren klinischen Erfolg umsetzen lässt. Nur klinische Studien können diese Frage beantworten. Diese wurden zwar für einige Indikationen auch schon durchgeführt. Aber das Argument, dass noch keine Studie die Unterlegenheit der Protonentherapie nachgewiesen habe, kann nicht wirklich überzeugen.

Die Forderung, Röntgenstrahlen generell durch Protonen zu ersetzen, ist auch im Hinblick auf die hohen Kosten fragwürdig. Der Autor bestreitet zwar, dass die Behandlung mit Protonen teurer ist als die mit Röntgen, nennt aber keine Zahlen. Tatsächlich kostet eine Protonentherapie heute mit 18 000 Euro mindestens dreimal so viel wie eine optimierte Röntgentherapie, genaue Zahlen hängen natürlich immer vom Einzelfall ab. Zu Recht fordert er, die gesamte Strahlenbelastung der Bevölkerung zu verringern. Doch um die gesamte finanzielle Belastung der Bevölkerung zu erhöhen, muss es bessere Gründe geben.

Leider versäumt der Autor, sich sachlich mit der Position der Experten auseinander zu setzen, die der Protonentherapie etwas reservierter gegenüberstehen. Für seine pauschale Verurteilung von Röntgenstrahlen hat er jedenfalls nur wenige Argumente vorzuweisen.

Trotz des Mangels an kritischer Distanz ist das Buch lesenswert, informiert es doch umfassend über die neue Therapie und vermag durch den lebendigen Schreibstil zu begeistern. Hier kämpft ein leidenschaftlicher Verfechter für den Erfolg seines Projekts. Immerhin dürfen dank seines Engagements einige Betroffene tatsächlich auf das hoffen, was der Buchtitel verspricht – eine neue Chance bei Krebs.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 05/2006

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