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Der Mythos der deutschen Atombombe

Besaß Nazideutschland wenigstens theoretisch das Knowhow für den Bau von Kernwaffen? Eine neue Lesart historischer Dokumente verneint das.

Lange herrschte die Auffassung vor, die deutschen Physiker, die unter Hitler kriegswichtige Forschung betreiben sollten, hätten im Prinzip gewusst, wie ein Kernreaktor funktioniert und wie man eine Nuklearexplosion auslöst. Der Bau einer deutschen Atombombe scheiterte dieser Ansicht nach nicht an mangelndem theoretischem Wissen, sondern an den praktischen Hindernissen, die der Krieg bedingte – oder vielleicht auch am hinhaltenden Widerstand einiger Physiker um Werner Heisenberg, den Leiter des Uranprojekts.

Ganz anders sieht das Manfred Popp, der als langjähriger Vorstandsvorsitzender des (Kern-)Forschungszentrums Karlsruhe aus historischem Interesse die Arbeiten des deutschen »Uranvereins« während des Zweiten Weltkriegs untersucht hat. Wie Popp schon vor gut zwei Jahren in »Spektrum der Wissenschaft« (Ausgabe 12/2016) darlegte, ging der Theoretiker Heisenberg in zentralen Punkten von irrigen Annahmen und Modellrechnungen aus. Es war also nicht so sehr die Kriegssituation, die den Bau einer deutschen Atombombe verhinderte, sondern eher die Unkenntnis der deutschen Wissenschaftler. Sie verfügten nicht über die richtige Theorie für die moderierte (gebremste) Kernspaltung im Reaktor und für die Abschätzung der kritischen Masse bei Kernexplosionen.

Zwei Wege zur Bombe

In der Schriftenreihe der Heisenberg-Gesellschaft hat Popp nun Gelegenheit bekommen, seine aufsehenerregende Auslegung der »Geheimberichte zur Nutzung der Atomkernenergie«, die von der vorrückenden US-Armee 1944/45 sichergestellt worden waren, breiter auszuführen.

Wie der Autor betont, gab es im Prinzip zwei ganz unterschiedliche Wege zur Bombe. Der erste führte über die großindustrielle Urananreicherung, wie sie die USA im gigantischen Manhattan-Projekt praktizierten und mit der sie jene Uranbombe schufen, die sie später über Hiroshima abwarfen. Diesen Weg hielten die deutschen Physiker – und ihnen folgend auch Rüstungsminister Albert Speer – mit Recht für zu aufwändig. Aber es hätte noch einen zweiten Weg gegeben, den die Amerikaner ebenfalls beschritten, wobei sie die Plutoniumbombe produzierten, die sie über Nagasaki einsetzten.

Für dieses zweite Verfahren musste man in einem Kernreaktor aus wenig angereichertem Uran Plutonium »erbrüten«. Damit wären die Deutschen, so Popp, ohne großtechnischen Aufwand zu einer Atombombe gelangt – wenn sie denn einen funktionierenden Reaktor entwickelt hätten. Doch auch dazu fehlten ihnen nicht bloß materielle, sondern theoretische Voraussetzungen.

Popp zufolge besaßen die deutschen Physiker unzureichende Vorstellungen von der Funktionsweise eines solchen Atommeilers. Nachdem Versuche mit chemisch unreinem Graphit als Moderatorsubstanz gescheitert waren (während chemisch reines Graphit in den USA den ersten funktionierenden Reaktor ermöglichte), verlegten sie sich beim Uranprojekt auf Schweres Wasser, um die Kettenreaktion zu bändigen. Doch sie kamen nicht weit, denn die Alliierten zerstörten in Norwegen die einzige für Deutschland zugängliche Produktionsstätte für Schweres Wasser.

Somit wurde in Deutschland während des Kriegs nie konkret an der Atombombe gearbeitet, und selbst der konsequenter betriebene Bau eines deutschen Kernreaktors war zum Scheitern verurteilt.

Popp geht auch auf die psychische Situation der Forscher ein. Heisenberg war schon 1937 von der SS wegen seiner internationalen Kontakte als »weißer Jude« an den Pranger gestellt worden und stand seither unter lebensgefährlichem Verdacht. Er und die anderen Physiker des Uranprojekts verspürten vermutlich ohnehin wenig Lust, den Bau einer nuklearen »Wunderwaffe« zu versprechen, dafür als militärische Geheimnisträger kaserniert und im Fall des Misserfolgs mit dem Tod bedroht zu werden. Das mag zum Teil erklären, warum das Uranprojekt so wenig Erfolg hatte.

Hingegen spricht nichts dafür, dass deutsche Physiker aktiv Widerstand leisteten und den Bau der Bombe bewusst sabotierten. Als Heisenberg 1941 seinen Mentor Niels Bohr im von den Nazis besetzten Dänemark besuchte, erschrak dieser über Äußerungen des Jüngeren. Der Endsieg des »Dritten Reichs« sei unvermeidlich, meinte Heisenberg, deshalb solle Bohr im eigenen Interesse mit deutschen Physikern kooperieren. Bohr empfand das wie eine Drohung und gewann den Eindruck, die deutsche Bombe sei bereits in Arbeit.

Dessen ungeachtet blieben Bohr und Heisenberg nach dem Krieg in freundschaftlichem Kontakt, und Heisenberg engagierte sich gegen die nukleare Aufrüstung. An deren historischem Ursprung stand die vermeintliche deutsche Atombombe – die Manfred Popp nun endgültig als Mythos entlarvt hat.

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