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»Quantix«: Die spukhafte Fernwirkung und das Grillen

Laurent Schafer bringt die schwierigste Physik in den Alltag einer Familie. Das passt zwar eigentlich überhaupt nicht zusammen, aber dem Autor gelingt es, aus dieser Diskrepanz eine Menge komischer Situationen zu erschaffen.

In der Welt der Comics haben die Gallier, die sich mit List und großer Körperkraft gegen die übermächtigen Römer behaupten, in der Regel Namen, die auf »-ix« enden. Es ist anzunehmen, dass sich der Journalist Laurent Schafer, dem wir Texte und Zeichnungen seiner Comic-Bücher (»Graphic Novels«) verdanken, von Asterix und seinen Gefährten zu deren Titeln hat inspirieren lassen: »Cosmix«, »Infinix« (noch nicht auf Deutsch erschienen) und eben »Quantix«.

Jedes der drei Bücher deckt eine große Breite an Themen ab, »Quantix« befasst sich mit dem Härtesten, was die theoretische Physik zu bieten hat. Die Quantenmechanik mit dem berüchtigten Welle-Teilchen-Dualismus ist dabei, ebenso die Verschränkung zweier quantenmechanischer Objekte mit der zugehörigen spukhaften Fernwirkung sowie die allgemeine Relativitätstheorie mit der Zeitdilatation. Und natürlich darf die berühmte Formel E=mc2 nicht fehlen.

Aus den kämpferischen Galliern von damals sind in »Quantix« allerdings ziemlich bürgerliche Franzosen geworden. Deren alltägliches Leben bietet, sagen wir es vorsichtig, auf den ersten Blick nicht allzu viele Anknüpfungspunkte mit der hohen Physik. Dann muss man sie halt mit einer gewissen Gewaltsamkeit herstellen – was durchaus komisch sein kann. So beschließen die Männer in der Eröffnungsszene feierlich, ab jetzt streng wissenschaftlich vorzugehen. Wobei? Die Frauen wissen es längst und lästern darüber ab: beim Grillen.

Newton und Einstein stören beim Angeln

Der Held der Geschichte strampelt sich schier zu Tode auf dem Fahrrad, wodurch er langsamer altert als seine ruhende Ehefrau: um 0,0000007 Nanosekunden pro Sekunde. Das folgt aus Einsteins spezieller Relativitätstheorie, was er seiner ungeduldig wartenden Gattin mit den Worten »Verspätung ist relativ« erklärt. »Ach so? Hat Einstein das gesagt? Und hat er auch gesagt: ›Wenn du das Universum durchstreifst, vergiss nicht, ein Stück Knoblauchbraten zu kaufen??‹«

Quantenmechanisch gesehen, befindet sich der Autoscooter, in dem Papa und Sohn sitzen, nicht mit Sicherheit auf dem Rummelplatz, sondern nur mit sehr großer Wahrscheinlichkeit. Er könnte auch, mit sehr viel geringerer Wahrscheinlichkeit, im ewigen Eis, im Urwald, im Bett eines aktiven Liebespärchens oder auf dem Planeten ZGmoX am anderen Ende des Universums auftauchen. Und der arme Fischer, der eigentlich nur die Ruhe der Nacht zum Angeln nutzen will, bekommt auf einmal Gesellschaft von Isaac Newton und Albert Einstein, die sich darüber zanken, was passieren würde, wenn plötzlich der Mond verschwindet – und mit ihm die Flut, auf der das Boot treibt.

Bei manchen der eingestreuten neckischen Einzelheiten fehlt der Bezug zur Sache allerdings vollkommen. Wozu müssen wir wissen, dass sich die Fliege Susi ermattet auf einem Bücherstapel niederlässt und sich unweit von ihr die Milbe Kurt erkältet hat? Dass, als sie deswegen niesen muss, durch die Erschütterung ein Buch vom Vertiko fällt und dem Helden der Geschichte eine Beule beibringt? Das alles, nur um schließlich zu erfahren, dass die beulenerzeugende kinetische Energie des Buchs vernachlässigbar winzig ist im Vergleich zu der Energie, die nach E=mc2 in seiner Masse steckt?

Divertimenti und kleine Schwächen im Physikalischen

Ich gestehe, dass mir diese Divertimenti, die einen erheblichen Teil des Buchs einnehmen, beim ersten Lesen gewaltig auf die Nerven gegangen sind. Inzwischen sehe ich die Sache deutlich milder. Das Werk ist eben seinem Thema zum Trotz kein Sachtext, den man als gewissenhafter Redakteur von jedem überflüssigen Beiwerk befreien müsste. Im Gegenteil: Die Zutaten verdünnen den schweren Stoff zu einer deutlich leichter verdaulichen Mischung. Die Physik selbst ist in Ordnung.

Na ja, fast. So schreibt Schafer jedem Gegenstand eine Geschwindigkeit im Raum zu (zum Beispiel sechs Meter pro Sekunde) plus eine Geschwindigkeit in der Zeit: eine Sekunde pro Sekunde oder etwas weniger, sodass die Summe der Geschwindigkeiten konstant bleibt. (Man rechnet über die Lichtgeschwindigkeit die Sekunden in Meter um.) Schon richtig: Für unseren Rennradfahrer vergeht die Zeit langsamer als für seine Gattin. Aber wie Schafer im Erläuterungsteil am Ende des Buchs selbst zugibt, wird man die von ihm hier vorgestellte Interpretation in den üblichen Darstellungen nicht finden. Zu allem Überfluss geht es hier nicht um die Summe der beiden Geschwindigkeiten, sondern – Pythagoras lässt grüßen – um die Wurzel aus deren Quadratsumme. Es sind auch nicht nur zwei Protonen, die bei der Kernfusion zu einem Heliumatomkern verschmelzen, sondern vier. Generell neigt Schafer eher zu dramatischen als zu wissenschaftlich-trockenen Interpretationen physikalischer Ergebnisse, womit er sich abermals in eine Minderheitenposition begibt.

Dennoch glaube ich, dass man diese Graphic Novel durchaus mit Genuss konsumieren kann – wenn man sie nicht allzu ernst nimmt. Und das ist wohl auch gar nicht beabsichtigt. Während die Herren ab und zu den Blick von der Holzkohle gen Himmel richten und über die Beschränktheit unseres irdischen Daseins philosophieren, führt ein Wolkenbruch die ganze Grillwissenschaft schließlich ad absurdum. Auch gut.

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