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»Rätselhafte Himmelsobjekte«: Keine Einführung in die Gammaastronomie

Der ehemalige Astrophysiker Wilfried Domainko schreibt sich selbst ein fragwürdiges Denkmal. Eine Rezension
Webb, JWST, Galaxien

Himmelskörper strahlen nicht nur sichtbares Licht aus. Über Dutzende Oktaven erstreckt sich die elektromagnetische Klaviatur, auf der die Natur spielt. Am obersten Ende, bei den ganz hohen Tönen, befinden sich die Gammastrahlen, deren Energien rund 1000 Milliarden Mal höher sind als die des sichtbaren Lichts. Das ist der Energiebereich von Teraelektronvolt, abgekürzt TeV. Der Autor hat in diesem Zweig der Astronomie gearbeitet und möchte den Leserinnen und Lesern die rätselhaften Quellen des TeV-Himmels näherbringen – so lässt zumindest der Buchtitel hoffen.

Domainko beginnt mit zwei Beispielen: den Gammastrahlenausbrüchen und der ungewöhnlichen Quelle Geminga. Im zweiten Kapitel geht es um kosmische Beschleuniger, in denen die TeV-Strahlen erzeugt werden könnten. Das dritte Kapitel widmet sich dann – kein Copy-and-paste-Fehler – Anomalien in geologischen Brüchen. Im vierten Kapitel erörtert Domainko die Frage, ob ein naher Gammablitz für die Erde tödlich sein könnte. Das fünfte Kapitel handelt von überraschenden Entdeckungen und das sechste von Astronomie mit großen Datenmengen. In Kapitel sieben erfährt man dann, wie sich manchmal mittels »citizen science« Signale aus solchen großen Datensätzen finden lassen, indem sehr viele Freiwillige eine große Zahl an wiederkehrenden, kleinen Aufgaben übernehmen.

Ungewöhnliche Themenmischung

Wie kommt es zu dieser ungewöhnlichen Themenauswahl? Die Antwort ist naheliegend: Der Autor beschreibt einfach, woran er alles gearbeitet hatte, bevor er der Wissenschaft den Rücken gekehrt hat. Das Buch ist also keine durchdachte Einführung in die TeV-Astronomie. Herausgekommen ist ein ziemlich konfuser Text mit fraglichem Fokus. Denn die Ideen und Analysen, die Domainko diskutiert, sind sicher nicht das, was man nach über 30 Jahren bodengebundener Gammaastronomie als Erstes über das Forschungsfeld erfahren sollte. Zu unwahrscheinlich, wenn nicht gar abstrus, sind die meisten der vorgestellten Modelle. So liest man sich durch unglaubwürdige Abstandsbestimmungen oder muss überlegen, ob nicht doch ein Gammablitz für das Aussterben der Dinosaurier verantwortlich war.

Letzteres scheint ein spezielles Steckenpferd des Autors zu sein, weswegen er wohl das geologische, dritte Kapitel aufgenommen hat. Die Bilder darin sind Fotos, die Domainko selbst gemacht hat – etwa im Steinheimer Becken oder in den Alpen. Besonders aufschlussreich sind sie nicht. Einige andere Grafiken sind auch mit wirklich unleserlich kleinem Text versehen, und viele stammen einfach aus Wikipedia.

Man muss dem Autor wohl eine gewisse Selbstverliebtheit vorwerfen, die man nicht nur bei der ziemlich selbstbeweihräuchernden Themenwahl bemerkt, sondern auch an vielen Stellen im Text. Sachbücher haben in der Regel weniger Personalpronomina in der ersten Person als dieses Buch. Ebenso erklärt der Text häufig nicht gut, etwa wenn man auf die Formulierung »Jetzt ist es aber so, dass …« trifft. Das ist sprachlich holprig und stellt eine Behauptung ohne Erklärung auf.

Auch rein sachlich finden sich zahlreiche Fehler in dem Buch. So verhaspelt sich der Autor schon auf Seite 7 mit dem Tera in TeV, das nicht für eine Million mal eine Milliarde steht, sondern für 1000 Milliarden. Auf Seite 24 scheitert er daran, den Tscherenkow-Effekt korrekt zu beschreiben, auf dem die Nachweismethode der Gammastrahlen beruht: »Da sich nichts schneller bewegen kann als die Lichtgeschwindigkeit im Umgebungsmedium, müssen die Teilchen Energie verlieren.« Das ist falsch, denn es ist gerade die Tatsache, dass sich Teilchen im Medium schneller als Licht ausbreiten können, die zur Aussendung von Tscherenkow-Licht führt, analog zu einem Überschallknall. Und die Behauptung, Kugelsternhaufen seien die dichtesten Sternsysteme, ist auch falsch – denn in Galaxienzentren sind die Sterne noch viel dichter gepackt.

Klares Urteil also: Lassen Sie die Finger von diesem Buch. Es bleibt unverständlich, wie dieser Text bei einem eigentlich renommierten Verlag erscheinen konnte.

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