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Lichtblick in der Demenzforschung

Der Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther lässt sein neues Buch mit einem Sciencefiction-Szenario beginnen, das einem wissenschaftlichen Erdbeben gleicht: Er prognostiziert, dass es in Zukunft in unserer Hand liegt, ob wir im Alter an einer Demenz erkranken oder ob sich in unserem Gehirn neue Vernetzungen bilden, die Abbauprozesse kompensieren. Hüther nennt das einen "bahnbrechenden Paradigmenwechsel innerhalb der Heilkunde" und einen Gegenentwurf zur "klassischen Reparatur- und Medikamentenmedizin".

Tatsache ist: Unsere Gesellschaft wird immer älter. Und es scheint verlockend, ein vitaleres Bild des Alterns zu zeichnen und die Gestaltbarkeit der eigenen Gesundheit mehr zu betonen. Hüther liefert dazu ein mit Verve verfasstes Plädoyer für die Selbstheilungskräfte des Gehirns durch eine so genannte Lebensstilmodifikation. "Wer seinen Körper vernachlässigt, der vernachlässigt auch sein Gehirn", schreibt er. Der Autor greift für seine These auf die 2001 veröffentlichte und inzwischen berühmte Nonnenstudie des Epidemiologen David A. Snowdon von der University of Minnesota zurück. Dieser hatte 678 katholische Nonnen im Alter von 75 bis 106 Jahren untersucht und im Gehirn der verstorbenen Ordensschwestern dieselben degenerativen Prozesse nachgewiesen, die Menschen mit einer schweren Alzheimerdemenz aufweisen. Die Nonnen hatten zu Lebzeiten jedoch keinerlei Symptome der Erkrankung gezeigt. Ihr Lebensstil musste offenbar präventiv gewirkt und dazu geführt haben, dass "die neuroplastische Umbaufähigkeit" des Gehirns, so Hüther, bis ins Alter erhalten blieb und schwere Abbauerscheinungen kompensieren konnte.

Paradigmenwechsel durch Nonnenstudie

Laut Hüther stellt die Nonnenstudie das bisherige Theoriegebäude zur Demenz in Frage. Er vertritt in seinem Buch die Ansicht, unser Gehirn sei durch den richtigen Lebensstil lebenslang form- und regenerierbar. Doch wie sieht ein solcher aus? Der Neurobiologe führt dazu das salutogenetische Prinzip des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky ein, nach dem es im Leben insbesondere auf ein "Kohärenzgefühl" ankomme, ein Gefühl, das durch Erfahrungen gewonnen wird. Zentral sei das subjektive Empfinden, in einer Welt zu leben, die versteh-, gestaltbar sowie sinnvoll erscheint und in der Konflikte aus eigener Kraft bewältigt werden können. Laut Hüther leiden die Selbstheilungskräfte unseres Gehirns nämlich vor allem durch Widersprüche, die wir nicht lösen können. Wenn wir hingegen unser kohärentes Selbstgefühl stärkten, indem wir ein sinnhaftes, gestaltbares und verstehbares Leben führten, dann nähmen Demenzerkrankungen ab, so seine kühne These.

Die Idee, das eigene Verhalten könne Krankheiten vorbeugen, scheint verlockend und riskant zugleich, denn sie macht zwar Mut und Hoffnung, bürdet dem Einzelnen aber auch ein hohes Maß an Verantwortung auf. Hüthers populärwissenschaftliches Buch gerät so einerseits zu einem interessanten und für Laien leicht verständlichen Leitfaden für ein gelingendes Altern, andererseits bleibt fraglich, ob die Nonnenstudie, auf die sich Hüthers Argumentation stützt, tatsächlich solch weit reichende und euphorische Schlussfolgerungen zulässt.

Dass eine bestehende Demenz nicht durch bloße Anwendung des salutogenetischen Prinzips umkehrbar ist, daran lässt glücklicherweise auch der Autor keinen Zweifel. Stattdessen nutzt er die Nonnenstudie, um ein Bild eines würdevollen Alterns zu skizzieren, in dem Lebensfreude das Gehirn vital hält. Das inspirierende Buch macht Mut und zeigt auf, dass es nie zu spät ist, ein bisschen gesünder zu leben!

02/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 02/2018

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