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»Rebellinnen der Philosophie«: Denkerinnen, die Geschichte schrieben

Frauen haben sich nicht nur für die Emanzipation eingesetzt, sondern auch wichtige Beiträge zur Philosophie geleistet, die aber oft kaum beachtet wurden. Kristin Gjesdal möchte das ändern.

Kristin Gjesdal ist eine urteilsfreudige Autorin. Am schlechtesten kommt die für die zweite Frauenbewegung so einflussreiche Simone de Beauvoir weg. Gjesdal wirft ihr vor, sexuelle Verhältnisse mit jüngeren Frauen unterhalten zu haben. Ihren Existenzialismus, der von einem Primat des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft ausgeht, lehnt sie als »individualistisch« ab. De Beauvoirs Beitrag zu dieser philosophischen Richtung würdigt sie ebenso wenig wie deren literarische Leistung.

Die an der Temple University in Philadelphia Philosophie lehrende Gjesdal möchte in ihrem Buch auf die Frauen aufmerksam machen, die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert zur Entwicklung der Philosophie beigetragen haben, aber in diesem von Männern dominierten Bereich oft nicht wahrgenommen wurden. De Beauvoir gehört insofern ob ihrer Berühmtheit eigentlich gar nicht zu diesem Kreis wenig rezipierter Frauen. Gjesdals Warnung vor dieser bisexuellen Vertreterin der freien Liebe wirkt auch vor diesem Hintergrund etwas befremdlich.

Die Autorin lobt stattdessen die Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Analytische Philosophie, die in der angelsächsischen und deutschsprachigen Welt bis heute weite Teile der universitären Lehre beherrscht. Von einer echten Rebellin wie der Existenzialistin de Beauvoir will man in diesen Kreisen nichts hören. So entsteht der Eindruck, das Buch liefere seinerseits eine einseitige, verharmlosende Geschichte der Frauenbewegung.

Clara Zetkin, Rosa Luxemburg und Angela Davis

Mehr Wohlwollen als de Beauvoir bringt Gjesdal den radikalen Sozialistinnen Clara Zetkin und Rosa Luxemburg entgegen. Gerade weil deren revolutionäre Ideen scheiterten, kann Gjesdal sie heute als Zeuginnen im Kampf gegen den globalen Kapitalismus aufrufen, der schließlich für die Klimaerwärmung verantwortlich sei. Für beide war die Frauenbewegung indes weniger wichtig.

Für die von Gjesdal ebenfalls vorgestellte radikale Sozialistin Angela Davis, die um 1970 in den USA Berühmtheit erlangte, gilt das wiederum nicht. Sie verbindet ihre Kritik am Kapitalismus, am weißen Rassismus und am Kolonialismus mit einer Auflehnung gegen die Unterdrückung der Frauen, vor allem der farbigen.

Gjesdal entwickelt ihre Kritik an bestimmten philosophischen Diskursen anhand ihrer Seminare. Einerseits wirkt es lebendig, wenn sie etwa beschreibt, was die Lektüre der Texte von Philosophinnen dort auslöst. Die Beschreibung der studentischen Reaktionen verleiht Gjesdals Argumentation eine gewisse Objektivität. Andererseits sind diese Beiträge anonymisiert, könnten also von ihr nach Belieben gestaltet werden. Zudem erfährt man dabei vieles, was nichts mit der Sache vergessener Philosophinnen zu tun hat: wo sie selbst wohnt, wie sie mit der Straßenbahn oder dem Fahrrad entlang welcher Stadtlandschaft in die Uni fährt. Das macht das Buch mitunter weitschweifig.

Wichtige Beiträge zur Entwicklung der Philosophie

Andererseits zeigt das Buch aber auch – und hier ist es am stärksten – , welch wichtige Beiträge Frauen zur Philosophie geleistet haben. Die Französin Germaine de Staël (1766–1817), Gegnerin Napoleons mit extravagantem Leben, hat diverse Philosophien ihrer Zeit miteinander verbunden; ihr »Vermächtnis innerhalb der politischen Philosophie ist ihr Republikanismus und ihr entschiedenes Eintreten für Werte wie Toleranz, Mäßigung und Liberalität.«

Die deutsche Romantikerin Karoline von Günderrode (1780–1806) kritisierte die von Philosophen propagierte Version der Freiheit als männlich geprägt und prangerte an, »dass diese Freiheit für die meisten Frauen nicht realisierbar sei, da sie sich ihre Rolle und Aufgabe in der Gesellschaft nicht aussuchen können.« Damit antizipierte sie de Beauvoir. Ähnliches gilt für die deutsche Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831–1919), die Gjesdal mit der folgenden Aussage zitiert: »Wie, meine Bestimmung wird mit mir schon fix fertig geboren? Das kommt mir beinah wie totgeboren vor.«

Die als Sklavin geborene Autorin Anna J. Cooper (1858–1964) kritisierte Rassismus und Frauenunterdrückung in den USA. Gjesdal schreibt: »Sklaverei bedeutete auch systematische Vergewaltigung und andere Formen sexualisierter Gewalt. Über ihren leiblichen Vater (der Sklavenhalter ihrer Mutter) weiß Cooper nicht viel Gutes zu berichten.«

Dass und wie Gjesdal Frauen wie Cooper oder von Günderrode würdigt, macht das Buch verdienstvoll und empfehlenswert, auch wenn es gewisse Schwächen hat.

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