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Das Verrückte in uns

Ein Psychiater berichtet über seine Arbeit mit an Schizophrenie erkrankten Menschen – und lehrt uns dabei etwas über uns selbst.

In Tamara leben Trillionen von Menschen, die ihre Organe zerfressen; Hans reist über Hoch- und Tiefdruckgebiete in verschiedene Welten; Tobias ist ein Abgesandter Gottes und liebte die Tochter des Teufels, und Sabines Mann wurde durch einen Doppelgänger ersetzt.

Die Welt, in die uns Achim Haug führt, ist bizarr und doch real – zumindest für die vier Patienten mit Schizophrenie, an deren Schicksal wir als Leser teilhaben dürfen. Der Autor ist Psychiater und emeritierter Professor an der Universität Zürich und hat viele Menschen behandelt, denen durch Krankheit die Realität entglitten ist. Anhand der ausgewählten Fallberichte möchte er uns sowohl das Wesen des Wahns näherbringen als auch etwas über uns selbst lehren: »Es sind Geschichten über das, was sicher ist, und das, was wir nur für sicher halten.«

Herausgekommen ist ein fesselndes und sehr erhellendes Buch, welches zu keiner Zeit den Eindruck bloßer Schaulust am Bizarren vermittelt. Die Reise in die Welt des Wahns ist jedoch kein Spaziergang. Haug fordert uns immer wieder dazu auf, vermeintliche Gewissheiten über die menschliche Wahrnehmung zu hinterfragen. Woher wissen wir, was real ist und was nicht? Wo verläuft die Grenze zwischen wahnhaftem und normalem Denken? Immerhin ist »das Irrationale in verdünnter Form an allen Ecken der Welt zu finden«. Spannende Gedankenexperimente und optische Illusionen bescheren so manches Aha-Erlebnis. Auch wer sich für Diagnosekriterien, Krankheitsverlauf, mögliche Ursachen und Behandlung der Schizophrenie interessiert, kommt auf seine Kosten. Was ziemlich trocken hätte ausfallen können, wird hier leicht zugänglich in Fallgeschichten eingebettet. Zudem lockert der Autor seine Ausführungen mit vielen Anekdoten aus der Geschichte der Psychiatrie auf. Wir begegnen etwa Karl Jaspers, Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche, der zum Ende seines Lebens selbst unter Wahnvorstellungen litt. So weit die Reise in die Vergangenheit auch geht, kehrt Haug bei seinen Ausführungen doch immer wieder zu seinen vier Patienten zurück. Wir schauen ihm während der Therapiesitzungen über die Schulter und begeben uns auf eine spannende Spurensuche in der Biografie der Betroffenen.

Das Buch spricht sich zudem gegen die teilweise reduktionistische Sicht der modernen Hirnforschung auf den menschlichen Geist aus. Vielmehr sollen wir begreifen, dass die Ursachen des Wahns vielschichtig sind und er niemals losgelöst von den Lebensumständen eines Menschen verstanden werden kann. Letztendlich sei jeder Mensch wahnfähig, ist sich Haug sicher. Die Natur habe den meisten von uns nur gute Schutzmechanismen mitgegeben. »Die Dankbarkeit darüber kann man aber erst empfinden, wenn man weiß, wie nahe wir alle solchen Menschen wie Tamara, Hans, Tobias und Sabine sind.«

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