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Gewalt als Wesensmerkmal?

Der Autor ist pensionierter Professor für Religionswissenschaft an der FU Berlin. Im vorliegenden Buch möchte er das kriegerische Potenzial von Religionen erkunden. Dabei nimmt er tatsächlich stattgefundene Gewaltkonflikte in den Blick.

Als Grundthese formuliert Zinser, Religionen seien nicht von sich aus friedfertig, ihnen müsse die Friedensliebe erst aufgedrängt werden. Auch wenn ein grundsätzlicher Gewaltverzicht zum Kern vieler Religionen gehöre, würden sie bewaffnete Auseinandersetzungen mitunter rechtfertigen, oft auf krummen Argumentationswegen. Diese These belegt der Autor anhand ausgewählter Beispiele, nachdem er sich ausführlich damit auseinandergesetzt hat, was man unter "Religion" und "Krieg" überhaupt zu verstehen hat.

Im Kern geht es Zinser darum zu analysieren, welche Haltung die verschiedenen Religionen zum Krieg entwickelten und in welcher Weise sie diesen verbal verteidigten. Ein gewaltiges Unterfangen für ein Buch von knapp 200 Seiten, zumal der Autor kaum eine bedeutende Religion auslässt. Angefangen bei Überlegungen zu Heldentum, Ruhm und Herrschaft etwa bei den Germanen spannt Zinser den Bogen über die römische Antike und die Theorie vom "bellum iustum" (vom "gerechten Krieg") bis hin zum Christentum mit seinen Kreuzzügen. Auch mit den vermeintlich friedfertigen buddhistischen Lehren sowie dem Hinduismus setzt er sich kritisch auseinander, wenn auch weniger ausführlich.

Westliches Missverständnis

Der Hinduismus, schreibt der Autor, werde im Westen oft als besonders friedfertig angesehen, da man hier die Lehre von der Gewaltlosigkeit (ahimsa), die für die meisten indischen Asketen gelte, auf den Hinduismus als Ganzes projiziere. Dies ergebe jedoch ein verzerrtes Bild. Krieg gelte im Hinduismus beispielsweise als ehrenvolles Feld, um Heldentum zu erlangen, formuliert der Autor mit Verweis auf die "Bhagavadgita", eine zentrale Schrift aus dem bekannten Epos "Mahabharata". Ebenso gehöre Krieg zu den Aufgaben und Pflichten eines Kshatriyas – eines Vertreters der zweiten Kaste –, denen er sich nicht entziehen könne, ohne Schuld auf sich zu laden.

Im Hinblick auf den Buddhismus gibt der Autor zu bedenken, dass dessen Würdenträger und Mönche immer wieder in Kriege verwickelt waren. Er weist dabei auf den indischen Herrscher Ashoka (3. Jahrhundert v. Chr.) hin und erinnert an den erst vor Kurzem beendeten Bürgerkrieg in Sri Lanka. Auch böten verschiedene Theorien des Mahayana-Buddhismus, etwa die der Leerheit des Ichs und aller Dinge (shunyata), die Möglichkeit, Tötungsakte zu rechtfertigen.

Wenn Zinser auf den Islam zu sprechen kommt, führt er erfreulicherweise neben wichtigen Koranstellen und deren Auslegung im Mittelalter auch zeitgenössische Quellen an. Er präsentiert etwa eine Erklärung 38 islamischer Gelehrter bezüglich einer Rede Papst Benedikts XVI., die sich als Artikulation der Mehrheitsmeinung aller Muslime zum Thema Krieg versteht. Laut dieser sind Muslime angehalten, friedlich mit ihren Nachbarn zusammenzuleben. Niemand dürfe auf Grund seiner religiösen Überzeugung angegriffen werden, und Zivilisten dürften nicht das Ziel militärischer Aktion sein. Akte zur Selbstverteidigung seien jedoch nicht ausgeschlossen. Dieser Stellungnahme stellt Zinser die selbst erklärte Fatwa (religiöses Gutachten) "Jihad against the Jews and Crusaders" von Osama Bin Laden und anderen Dschihadisten als Außenseiterposition gegenüber.

Auf Schriften gestützt

Im Wesentlichen baut Zinser seine Argumentation auf Textstellen in historischen Dokumenten oder religiösen Schriften auf. Das wundert ein wenig, da Religionswissenschaftler oft darüber diskutieren, welche Bedeutung den Schriften tatsächlich zukommt. Kritisch ist auch anzumerken, dass Zinser des Öfteren zur Subjektivierung der Religion neigt. Dabei stellt er selbst eingangs fest, dass "[…] Religionen keine Subjekte sind, sondern Subjekte sind die Menschen und die von ihnen gebildeten sozialen und politischen Institutionen".

"Religion und Krieg" richtet sich weniger an Laien, sondern eher an Leser mit religionswissenschaftlicher oder -historischer Vorbildung. Der Autor pflegt einen reflektierten Schreibstil, indem er Thesen und Termini hinterfragt, statt sie einfach vorauszusetzen. Die Fülle an Zitaten ebenso wie die vielen behandelten geschichtlichen Epochen und religiösen Systeme zeugen von der großen Kompetenz des Autors. Man kann ihm Beifall dafür zollen, ein derart weitläufiges Thema abzuarbeiten, das ohne Weiteres auch die doppelte Seitenzahl in Anspruch nehmen könnte. Allerdings erschwert die Informationsflut es dem Leser, sich zu orientieren. Die Gedankengänge wechseln schnell und schweifen zuweilen in politische Theorie und historische Details ab.

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