»Rettung durch schnelle Evolution«: Evolution als Chance
Was verbinden Sie mit »Evolution«? Vermutlich Ereignisse und Prozesse, die lange zurückliegen oder sich in ferner Zukunft abspielen und das Leben auf der Erde über große Zeiträume veränder(te)n. Doch können bedrohte Arten auch binnen kurzer Zeit vor dem Aussterben bewahrt werden? In Zeiten hoher Biodiversitätsverluste eine sehr interessante Frage.
Tatsächlich ist Evolution ein kontinuierlicher Prozess, und wir können manche seiner Auswirkungen sowie die Veränderungen von Arten beinahe live mitverfolgen: Elefanten, die ihre Stoßzähne verlieren, Grillen, die verstummen, oder auch die aus dem Biologieunterricht bekannten Birkenspanner, die ihre Farbe ändern. All diese Anpassungen sind in relativ kurzen Zeitspannen erfolgt – in Monaten, Jahren oder längstens Jahrzehnten. Bernhard Kegler, Biologe und Chemiker, erläutert diese und andere Beispiele einer »schnellen« Evolution und beschreibt, wie diese auch heute noch vor unseren Augen abläuft, unser Leben beeinflusst und vielleicht auch bedrohte Arten retten kann. In 15 Kapiteln stellt Kegler verschiedene evolutionsbiologische Veränderungen vor, die belegen, dass sich evolutionäre Prozesse auch in deutlich kürzeren Zeitabschnitten als Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden vollziehen können.
Von Rennkröten und schnurrenden Grillen
In jedem Kapitel führt Kegler auf eines dieser Beispiele hin und macht so neugierig auf Wissenschaft und Forschung. Seine wichtigste Grundaussage ist hierbei, dass sich Ökosysteme ständig evolutionär weiterentwickeln. Und Kegler verdeutlicht, dass die Evolution durch ganz unterschiedliche Faktoren beeinflusst wird – und in hohem Maße auch durch den Menschen. Aufgrund der massiven Bejagung von Elefanten insbesondere durch Wilderer gibt es mittlerweile weniger Elefanten ohne Stoßzähne als solche mit diesen. Aber auch unsere Städte beeinflussen die Evolution: Die Anolis, eine Gattung kleiner bis mittelgroßer Echsen, in Puerto Rico ist schneller in der Stadt unterwegs als ihre Verwandten im Wald, da ihr in der Stadt längere Hinterbeine gewachsen sind. Und Mäuse in New York passen ihre Verdauung an die menschliche Zivilisation an, um auch Fast Food und verschimmeltes Essen verdauen zu können.
Kegler berichtet auch unterhaltsam von der in Australien als invasive Art eingeführten Aga-Kröte, die sich immer weiter ausbreitet, heimische Arten verdrängt und sich dabei zu einer Rennkröte entwickelt hat. Oder von einer Grillenart auf Hawaii, die von einer Fliegenart fast ausgerottet wurde, deshalb verstummte beziehungsweise komplett neue Geräusche erlernte (Schnurren, Rasseln) und deren Bestände sich dadurch wieder erholen konnten.
Doch auch die (zumindest aus menschlicher Sicht) negativen Seiten der Evolution verschweigt Kegel nicht. Krankheitserreger wie Bakterien können sich sehr schnell anpassen und so Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln. So gibt es immer mehr multiresistente Keime – die Evolution stellt in diesem Kontext also eine ernsthafte Bedrohung für uns Menschen dar.
Kein Allheilmittel, aber eine Chance
Der Autor stellt neueste Forschungsergebnisse vor, ordnet aber auch ältere Experimente fachlich gut ein. Er erläutert, wann wirklich von evolutionären Veränderungen gesprochen werden kann oder ob es sich bei einer Anpassung lediglich um phänotypische Plastizität handelt. Dabei beschreibt er komplexe Zusammenhänge einfach, aber fachlich korrekt, und ordnet die Sachverhalte gut verständlich ein. Ein gewisses Grundverständnis für Biologie sollte mitbringen, wer allen Schlussfolgerungen im Detail folgen möchte, dennoch ist das Buch in jedem Fall auch für fachlich interessierte Laien geeignet. Kegler verbindet die Forschungsergebnisse miteinander und knüpft so einen roten Faden durch die gesamte Darstellung. In den Anmerkungen und Literaturverweisen am Ende des Buchs finden sich weitere interessante Gedanken, die man sich jedoch eher in den jeweiligen Kapiteln unmittelbar unter dem Text als Fußnoten gewünscht hätte.
Ist die Anpassung an veränderte Umweltbedingungen durch Evolution die Lösung für den großen, durch den Klimawandel verstärkten Biodiversitätsverlust? Wohl eher nicht, so Kegler, dafür ist die Evolution insgesamt dann doch zu langsam. Aber es gibt viele positive Beispiele dafür, wie einzelne Arten von einer schnellen Evolution profitieren können. Kegel präsentiert Fälle, die Mut machen und zeigen, dass die Natur uns immer wieder aufs Neue überrascht und eine solche Anpassung durchaus möglich ist. Sein kurzweilig zu lesendes Buch präsentiert das komplexe Thema Evolution spannend und anschaulich.
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