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Protest voller Optimismus

Eine Sozialphilosophin geht Bewegungen wie Black Lives Matter und Fridays for Future nach und macht Hoffnung für die Zukunft.

Die Philosophie ist für gewöhnlich nicht dafür bekannt, besonders nah am Tagesgeschehen zu sein. Stattdessen hat sie den Ruf einer abstrakten Wissenschaft, deren Erkenntnisse sich in den wenigsten Fällen auf das tägliche Leben beziehen oder sich auch nur darauf anwenden lassen. Eva von Redecker sieht das anders. Die Philosophin und Schriftstellerin, die in ihren Büchern immer wieder Sozialphilosophie betreibt und sich unter anderem auf die feministische Theorie spezialisiert hat, legt mit »Revolution für das Leben: Philosophie der neuen Protestformen« eine Arbeit vor, die Ereignisse der letzten Jahre analysiert – und darin eine neue Art der Revolution sieht.

Das Buch ist symmetrisch aufgebaut: Um das zentrale Kapitel »Revolution« stehen acht weitere, die als Vorher-nachher-Vergleich dienen. Das bedeutet: Das erste und das letzte Kapitel behandeln beide das gleiche Thema (Eigentum) aus verschiedenen Sichten (Beherrschen und Pflegen), das zweite und das vorletzte ebenso und so weiter.

Die Kapitel des ersten Teils beschreiben die teils desolaten Zustände, in denen sich die Gesellschaften der westlichen Welt aktuell befinden. Die Wurzel allen Übels ist für die Autorin das Eigentum – ganz in der Tradition der kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Unsere Besitzansprüche seien absolut und schlössen auch die Zerstörung des Hab und Guts mit ein. Die westliche Welt verstünde Eigentum also als reines Recht, ohne Pflichten; sie nennt das »absolute Sachherrschaft«. Das zeige sich darin, wie Menschen die Ressourcen der Erde nutzen, sie ausbeuten und vernichten. Von Redecker liefert auch nicht ökologische Beispiele für diese Haltung. So seien die noch immer spürbaren patriarchalischen Strukturen der Gesellschaft durch einen unterschwelligen Besitzanspruch gegenüber Frauen geprägt.

Neuer Begriff für ein altes Phänomen

Bewegungen wie Black Lives Matter und Fridays for Future sind es, die von Redecker als eine neue Form der Revolution beschreibt. Eine Revolution, die dezentral organisiert ist und friedlich abläuft. Diese »Revolution für das Leben« setzt sich für das Bewahren ein, weswegen die Autorin der absoluten Sachherrschaft des ersten Teils den Begriff der Weltwahrung gegenüberstellt, der sich vom zerstörenden Ausbeuten in jeglicher Hinsicht abwendet, hin zu einem teilenden, Ressourcen schonenden Umgang mit der Welt.

Leider ist gerade das Kapitel »Revolution«, das im Zentrum des Buchs steht und sogar grafisch hervorgehoben wird, inhaltlich am schwächsten. Es wird nicht ersichtlich, weshalb die Philosophin den neuen Begriff »Revolution für das Leben« für eine Art von Revolution einführt, die bereits seit vielen Jahrzehnten einen Namen hat: Graswurzelbewegung. Er bezeichnet eine gesellschaftliche oder politische Initiative, die aus der Basis der Bevölkerung entsteht, also »von unten«.

Glücklicherweise hat das Werk in seinen anderen Teilen so viel zu bieten, dass es dennoch (auch für Menschen ohne philosophische Vorbildung) empfehlenswert ist. So gelingt es der Autorin, umfassend und treffend die materialistischen Hintergründe vieler Probleme darzustellen. Etwa wenn sie aufdröselt, dass die hohe Verschuldung von Menschen und Staaten letztlich in der Logik des Kapitalismus begründet liegt. Darüber hinaus erklärt sie bekannte, abstrakte Konzepte der Philosophie sicher und verständlich, wobei sie nie den Bezug zum alltäglichen Leben verliert und bisweilen innovative Vergleiche bringt. Zum Beispiel, wenn sie die Schwester eines Opfers von Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten, welche die Black-Lives-Matter-Bewegung mitbegründet hat, mit der antiken Mythenfigur Antigone vergleicht.

Ansporn zum Handeln

Ist das Werk nun eine »neue Kapitalismuskritik« und eine »Liebeserklärung an menschliches Handeln«, wie es der Klappentext verspricht? Zumindest ist es keine neue Form der Kapitalismuskritik, denn weder die Art der Revolution (Graswurzelbewegung) noch die Methodik der Sozialphilosophin sind neu, in welcher deutlich die kritische Theorie der Frankfurter Schule anklingt. Dass es sich um eine Liebeserklärung an menschliches Handeln handelt, ist jedoch uneingeschränkt wahr und kann als das Herz des Werks angesehen werden: Ein Buch über Protest und Revolution, das von einem solchen mitreißenden Optimismus strotzt, lässt hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Und ist es nicht genau das, was wir in diesen Zeiten brauchen?

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