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Der durch die Plastikmühle kraulte

Andreas Fath, Professor für Chemie an der Hochschule Furtwangen, schwamm 2014 von der Quelle bis zur Mündung des Rheins – sage und schreibe 1231 Kilometer. Sein Antrieb: Forschergeist und die Liebe zum Element Wasser. Unterwegs entnahm er zahlreiche Proben, um sie auf Arzneirückstände und Plastikpartikel mit einem Durchmesser von weniger als fünf Millimetern, so genanntes Mikroplastik, zu untersuchen. Nun ist sein Buch über diese Werbeaktion für den Gewässerschutz erschienen, mit zum Teil erschreckenden Ergebnissen. Das gigantische Plastikproblem ist im Hinblick auf die Ozeane bereits bekannt; in dem Band zeigt sich jedoch, dass es ebenso Süßwasserressourcen betrifft, die – mehr oder weniger direkt – für unsere Ernährung eine Rolle spielen.

Der Rhein hat seit jeher die menschliche Fantasie inspiriert. Diese Schwärmerei schlägt sich in dem Buch in Form von Schwarzweißbildern nieder, die Motive von Rheinromantik bis Industriecharme zeigen. Zudem richtet sich das Werk an Fans des Langstreckenschwimmens – eine Bezeichnung, die hier wahrlich nicht übertrieben ist.

Kunststoffkrümel in der Quelle

Faths Wasserwanderungen führten sukzessive durch Vorder- und Alpenrhein, Bodensee, den Hochrhein sowie Ober-, Mittel- und Niederrhein. Zahlreiche Helfer zu Land und zu Wasser begleiteten das fast einmonatige Spektakel. Auch die Medien nahmen Anteil, unter ihnen ZDF und SWR.

Der Chemieprofessor startete im sauberen, eiskalten Tomasee in den schweizerischen Alpen. Die hier vorgenommenen Messungen an der Rheinquelle sollten ihm als Vergleichswerte, quasi als "Null-Niveau", für die später aufgenommenen Daten dienen. Es zeigte sich jedoch, dass schon der Tomasee Mikroplastik enthält, eventuell auf Grund von Plastikbränden. Mit zunehmender Strecke flussabwärts ließen sich immer mehr synthetische organische Substanzen nachweisen, wobei Fath unter anderem einen an der Wade befestigten Sampler benutzte. Am Ende waren es 128 verschiedene Verbindungen, darunter Süßstoffe, Antibiotika sowie Betäubungsmittel.

Während Fath schwamm, nahm er verstärkt auch Makroplastik (größer als 200 Millimeter und mit bloßem Auge deutlich sichtbar) sowie Dieselgeruch wahr. Er beschreibt das als "Plastikmühle Rhein" und gibt seine akustischen Erlebnisse unter Wasser wieder: Das "Schmirgeln der kleineren und das Gepolter der größeren Steine" machten aus allen möglichen Plastikartikeln nach und nach Plastikpartikel. Der Autor spart bei seiner Kritik die so genannten Biokunststoffe nicht aus. Auch diese würden in der Plastikmühle zu Krümeln verarbeitet, die potenziell mit Toxinen und Keimen behaftet seien.

Diverse Verschmutzungsindikatoren

Anhand von Grafiken erläutert Fath seine Befunde über die Kunststoffsorten in verschiedenen Rheinabschnitten. Über Nutz- und Trinkwasser beziehungsweise Fisch, schreibt er, gelangten die Partikel in den Menschen. Daneben dokumentierte er pH-Werte, Sauerstoff-, Blei-, Nitrat- und Phosphatgehalte, um beispielsweise auf den Eutrophierungsgrad zu schließen oder den gesundheitsschädigenden Einfluss von Blei einzuschätzen.

Das Sachbuch ist gut geschrieben, weist aber die eine oder andere Länge auf. Fath kommentiert seine Schwimmwanderung im Stil eines Tagebuchs und recht ausschweifend. Ausführlich schildert er persönliche Befindlichkeiten und anderes Privates, etwa den Rückhalt durch die Familie, was die Wasseranalysen und die ökologischen Erörterungen leider in den Hintergrund rücken lässt.

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