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Buchkritik zu »Riedls Kulturgeschichte der Evolutionstheorie«

Die Theorie von der Evolution der Lebensformen, von der Veränderlichkeit der Arten, ist eine große Idee, die auf die Dauer die Welt mehr und nachhaltiger verändert hat als Kriege und Staatenlenker. In seinem neuen Werk folgt der Wiener Zoologe Rupert Riedl (Jahrgang 1925) der Spur ihrer Entwicklung, von ihren tastenden Anfängen über die breite Schneise der weltanschaulichen Entzweiung bis zur heutigen – zumindest in unserem aufgeklärten Kulturraum – unaufgeregten Selbstverständlichkeit.

Es ist dies kein Lehrbuch der Evolutionsbiologie; das überwältigende Beweismaterial, das sich zum Beleg der großen synthetischen Theorie Charles Darwins angesammelt hat, ist dem Autor nur Mittel zum Zweck und wird daher auch nur skizzenhaft gestreift. Wer Riedl durch sein Argumentationsgebäude folgen will, benötigt eine noch einigermaßen erhaltene Erinnerung an einen ordentlichen Biologieunterricht.

Es ist dies – entgegen dem Titel – aber auch kein wissenschaftshistorisches Werk. Die konsistente Formulierung der Evolutionstheorie erfolgte um die Mitte des an wissenschaftlichen Durchbrüchen und tiefen Einsichten nicht eben armen 19. Jahrhunderts. Warum gerade dann? Die erkennende, aber noch nicht erklärende Antwort – diesen Unterschied stellt Riedl ins Zentrum seiner erkenntnistheoretischen Exkursion – ist, dass die Zeit dafür reif war.

Ungefähr zur selben Zeit, als Darwin sein epochales Werk von der Entstehung der Arten verfasste, schuf sein Landsmann James Clerk Maxwell die erste große vereinheitlichende Theorie der Physik in seiner Lehre vom Elektromagnetismus. Ebenfalls um die gleiche Zeit entstand in den Köpfen und Notizbüchern der Chemiker Julius Meyer und Dimitrij Mendelejew das Periodensystem der Elemente, das große, ordnende Prinzip der Wissenschaft von den Stoffen und deren Änderungen. Die Zeit des "Schmetterlingesammelns" war vorbei, die Zeit, Bilanz zu ziehen und nach dem gemeinsamen Nenner zu suchen, war allenthalben angebrochen.

Ebenso wie Newton auf Kepler und Maxwell auf Faraday aufbauen konnte, hatte auch Darwin Vorläufer und -arbeiter. Ihnen zollt Riedl Tribut, ordnet ihre Beiträge ein. Aber erst Darwin gelang auf seiner fünfjährigen Odyssee auf den Weltmeeren, die ihm seine Abenteuerlust mit nie nachlassender Seekrankheit heimzahlten, die Anhäufung einer "kritischen Masse", die zur Zündung gebracht werden konnte.

Nach der Zelltheorie des 17. Jahrhunderts war die Evolutionstheorie die nächste Stufe der Vereinheitlichung in der Biologie. Darwin und seine Adepten – unter ihnen so entschiedene Streiter und Verbreiter seiner Lehren wie Thomas Huxley und Ernst Haeckel – erkannten, dass man hier auf eine tiefe, allgemeine Einsicht gestoßen war. Man erkannte, aber man war nicht – noch nicht! – in der Lage zu erklären. Das gelang erst im späteren 20. Jahrhundert mithilfe der Genetik, einer Theorie von ähnlicher Tragweite, die aber erst das Licht der Welt erblicken und sich ihre Sporen in der experimentierenden Beweisführung verdienen musste. Darwin und Huxley – der wohl zumindest – hätten ihre Freude gehabt.

Riedl folgt in seiner Darstellung der Chronologie der Ereignisse, aber sein Ansatz ist nicht wahrhaft historisierend, sondern entschieden philosophierend. Seine "Kulturgeschichte der Evolutionstheorie" ist mehr Ideengeschichte als Wissenschaftsgeschichte, wiewohl beides untrennbar vermengt ist, denn erst eine standfeste Erkenntnistheorie gibt einem die Möglichkeit, tatsächlichen Sinn aus gemachter Beobachtung zu machen. Riedl selbst hatte als Systemtheoretiker Anteil an der Entwicklung der Theorie, die er beschreibt, und so macht sein Bericht an mehr als einer Stelle den Eindruck eines Resümees. Ein aktiv Beteiligter zieht Bilanz zu einer Zeit, da die einstmals so hohe Wellen schlagende Theorie geistiges Allgemeingut einer gebildeten Gesellschaft geworden ist.

Aber die Kulturgeschichte der Evolutionstheorie ist noch nicht zu Ende geschrieben. Der Kampf der Erkennenden um die Anerkennung des erklärten Erklärlichen ist nicht an allen Fronten gewonnen. Noch immer herrscht in allzu vielen Teilen der Welt das finstere, das mittlere Alter; noch immer versucht in einigen Staaten des amerikanischen Mittelwestens die geistige Sittenpolizei, die verbotene Frucht der Erkenntnis ungenießbar zu machen, wenn sie ihren Verzehr schon nicht verhindern kann. Riedls Abriss ist ein Zwischenbericht, den jeder lesen sollte, der Biologie zu unterrichten hat.

Wer den Autor von seinen anderen Werken kennt, weiß, dass sein bisweilen enigmatischer Stil dem geneigten Leser einiges abverlangt. Einem Autor, der wie Riedl auf der Grenze zwischen Naturwissenschaft und Philosophie wandelt, mag das erlaubt sein. Schließlich ist das, was er rekapituliert, nichts weniger als eine der größten Leistungen menschlichen Intellekts, der vielleicht größte Schritt in der Geschichte des menschlichen Selbsterkennens, die endgültige Abkehr vom Anthropozentrismus vergangener Zeiten.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 6/2003

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