»Rousseau«: Ein fragwürdiger Vordenker
Das von Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) entwickelte Konzept des »Gemeinwohls« spielt bis heute in Theorie und Praxis der modernen Demokratie eine wichtige Rolle. Für Rousseau lässt es sich eindeutig bestimmen; sich am Gemeinwohl zu orientieren, definiert er als Pflicht aller Menschen. Diese hat allerdings ihren Preis, wie der Historiker Volker Reinhardt in seiner Rousseau-Biografie feststellt: »Eine offene Zivilgesellschaft mit unbeschränkter Meinungs- und Pressefreiheit, wie sie Voltaire forderte, war Rousseaus Sache nicht.« Darin unterscheidet sich Rousseau von den meisten französischen Aufklärern im 18. Jahrhundert.
Philosoph und Romancier
Reinhardt orientiert sich an Rousseaus »Die Bekenntnisse«, einer Art Autobiografie, die in den späten 1760er Jahren entsteht. Reinhardt geht der Frage nach, inwieweit Rousseaus Selbstdarstellung mit den bekannten Fakten übereinstimmt. Gleichzeitig lobt er die ästhetische Qualität des Werks: »Der zurückblickende Rousseau glaubt jedenfalls rückhaltlos seiner Erinnerung und formt daraus ein Stück Literatur von einzigartiger Anziehungskraft.« Das ist ein spannender Ansatz für eine Biografie.
Rousseaus Œuvre besteht aber nicht nur aus philosophischen Schriften, sondern auch aus literarischen und musikalischen Werken. Die einaktige Oper »Der Dorfwahrsager« wird 1752 vor dem französischen König Ludwig XV. im Schloss Fontainebleau aufgeführt. Die daran anschließende Privataudienz nimmt Rousseau nicht wahr, ein Affront. Er will als einer der ersten Künstler seiner Zeit nicht der Büttel der Monarchie sein, begibt sich aber auch häufig unter die Fittiche von Adligen.
Rousseaus »Julie oder Die neue Héloïse« ist der damals erfolgreichste französische Roman und ein programmatischer Text. Die vom Adel geprägte Gesellschaft hält Rousseau für verdorben, während der natürliche Mensch ihm moralisch erscheint. Rousseau feiert das romantische Gefühl zweier Liebender, die in der realen Welt nicht zueinander finden können, und deren Vereinigung erst im Jenseits möglich erscheint.
Die »Radikalisierung« Rousseaus
Zudem gilt Rousseau als Entdecker der Kindheit als eigener Lebensphase. In seinem Roman »Émile oder Über die Erziehung« empfiehlt er eine naturnahe Erziehung. »Émile« erscheint 1762 und damit im selben Jahr wie »Vom Gesellschaftsvertrag«, Rousseaus wichtigster politischer Schrift, in der er seinen Begriff vom »Gemeinwohl« entwickelt. War er zuvor noch ein Star der höfischen Gesellschaft, so bringen ihm die Ideen eines natürlich bestimmten Gemeinwohls und einer entsprechenden Erziehung eine jahrelange Verfolgung durch Staat und Kirche ein. Das verstärkt seine Paranoia – er fühlt sich verfolgt, auch von Freunden, die er mit seinen wahnhaften Vorstellungen verletzt.
Dagegen scheint er sich selbst für den einzig guten Menschen zu halten, der auch als Einziger die göttliche Natur verkörpere. Entsprechend klittert er die Darstellung seines Lebens. Dazu Reinhardt trocken: »Die glückliche Kindheit, die angeblich bis an die Schwelle des vierten Lebensjahrzehnts dauerte, wird erst mit der Niederschrift der Confessions erfunden.«
Reinhardts Biografie verstärkt die Verwunderung darüber, wie ein überheblicher Intellektueller mit teilweise totalitären Gedanken bis heute nicht nur als einer der Vordenker der Demokratie gelten kann, sondern auch zum wichtigen Referenzpunkt alternativer Bewegungen werden konnte. Dazu konstatiert Reinhardt: »Rousseaus Kernthese, dass die Zivilisation weit über das Ziel hinausgeschossen sei und den Menschen von seinen natürlichen Grundlagen und damit von sich selbst entfremdet habe, ist der ideologische Ausgangspunkt aller alternativen Bewegungen bis heute, ebenso wie die daraus abgeleitete Notwendigkeit, zu einem neuen, pfleglicheren Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen zu gelangen.«
Das Buch ist sehr empfehlenswert, macht es doch transparent, wie Rousseau das »Natürliche« für sich konstruierte – gedanklich wie biografisch.
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