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Über den Schmerz

Rot und alarmierend, passend zum Thema Schmerz, sticht der Umschlag dieses Buchs ins Auge. Amrei Wittwer und Gerd Folkers präsentieren darin neueste einschlägige Forschungsergebnisse auf wissenschaftsnahe, aber gut verständliche Weise. Sie räumen mit manchem Vorurteil auf, das einer erfolgreichen Schmerztherapie im Weg stehen kann. Den roten Faden des Buchs liefert eine fiktive Patientengeschichte voller Missgeschicke, die skurril und fast schon gruselig ist.

Amrei Wittwer hat Pharmazie studiert, sich jahrelang mit Schmerzforschung befasst und ist am schweizerischen "Collegium Helveticum" für interdisziplinäre Forschungsprojekte und Wissenschaftskommunikation verantwortlich. Gerd Folkers, ebenfalls Pharmazeut, hat diese Einrichtung mehr als 11 Jahre lang geleitet. Seit 2012 gehört er dem schweizerischen Wissenschafts- und Innovationsrat (SWIR) an. Die Autoren haben das erklärte Ziel, Licht in jenes Halbwissen zu bringen, das sich um den Schmerz rankt. Sie möchten ihre Leser so in die Lage versetzen, dem Phänomen mit fundierten Kenntnissen statt mit vagen Annahmen und Vorurteilen zu begegnen.

Zunächst erklären die Pharmazeuten, wie Schmerz entsteht. Dabei, schreiben sie, spielen nicht nur Reize an Rezeptoren und ihre Weiterleitung ins Zentralnervensystem eine Rolle, sondern auch Hirnregionen, die dem eintreffenden Signal beispielsweise eine emotionale Bedeutung zuschreiben und es mit Erinnerungen verknüpfen. Diese Areale mitsamt ihren Vernetzungen bilden die so genannte Schmerzmatrix – das zentrale Element der (individuell sehr verschiedenen) Schmerzverarbeitung. Hier entfalten Methoden wie Biofeedback, Verhaltens- oder Entspannungstherapie beim Behandeln chronischer Pein ihre Wirkung.

Was dich nicht umbringt, macht dich schwächer

Die verbreitete Annahme, Schmerzen auszuhalten mache hart, entlarven die Autoren als Mythos und widerlegen sie gleich zu Beginn des Buchs. Wie das gesamte Gehirn sei auch das schmerzverarbeitende System lernfähig. Jede akute Qual könne deshalb Schmerzrezeptoren, Leitungsbahnen und die Schmerzmatrix empfindlicher machen ("sensitivieren") – mit dem Ergebnis, dass Nerven auch ohne angemessenen Reiz feuern. Eine solche Sensitivierung könne bereits nach 72-stündigem Schmerzempfinden einsetzen. Schmerzen einfach auszuhalten, führe daher manchmal zu chronischer Qual. Die Mechanismen, die dem zu Grunde liegen, ließen sich allerdings auch nutzen, um das Gehirn wieder umzuschulen.

Wittwer und Folkers entlarven noch zahlreiche weitere Mythen als Irrtümer. Beispielsweise den, ein Versagen der Schmerztherapie werde irgendwie vom Patienten verschuldet. Oder den, wonach Tiere zwar Schmerzreflexe haben, aber Qualen nicht bewusst empfinden. Auch die These, Frauen könnten mehr körperliche Pein aushalten, da sie Kinder gebären, widerlegen die Autoren anhand zahlreicher Literaturverweise. Das Gegenteil treffe zu: Frauen seien meist deutlich schmerzempfindlicher. Dass man landläufig anderes annimmt, könnte ganz unvermutete Gründe haben, wie eine Studie zeigte. Demnach nehmen Ärzte weibliche Schmerzpatienten oft weniger ernst als männliche, denn Frauen haben in der Regel ein gepflegteres Äußeres als Männer und erwecken deshalb seltener den Eindruck echter Pein. Deswegen bekommen sie im Leidensfall häufig auch weniger Schmerzmittel verschrieben.

In einem "Kleinen Kompendium der Schmerzmittel" erläutern die Autoren zahlreiche Möglichkeiten, dem Schmerz medikamentös zu begegnen. Opioide gehören dabei zu den potentesten derzeit bekannten Arzneistoffen. Wittwer und Folkers widerlegen in dem Zusammenhang den Mythos, wonach diese Substanzen eine große Suchtgefahr bergen. Werde der Blutspiegel durch genau abgestimmte Medikamenteneinnahme konstant gehalten und kurzzeitige Spitzen der Wirkstoffkonzentration vermieden, sei das Abhängigkeitsrisiko eher gering. Die euphorische Stimmung, die mit dem Gebrauch von Opioiden einhergehe und und oft bereits als Sucht gewertet werde, sei in der Therapie eigentlich erwünscht, da sie die Schmerzempfindung dämpfe. Auch Cannabis werde zu Unrecht stigmatisiert. Aus Angst vor Abhängigkeit, beklagen die Pharmazeuten, würden viele Patienten nicht ausreichend behandelt – eine "Epidemie der unterversorgten Schmerzen".

Irrwege der Religion

Wittwer und Folkers werfen auch einen Blick in die Vergangenheit. Lange Zeit spielten demnach Spiritualität und Religion eine große Rolle in der Schmerzbekämpfung. Um die Pein zu überwinden, ebenso wie das quälende Bewusstsein um die Verletzlichkeit und Endlichkeit des Körpers, entwarfen die Menschen religiöse und spirituelle Gegenwelten. Die Autoren beleuchten entsprechende spirituelle Praktiken, Votiv- und Reliquienkulte und die Opfermystik. Dabei machen sie deutlich, dass sie Schmerzen in keinem Fall für gerechtfertigt halten, auch nicht als Strafe für schlimme Taten. Schmerz sei kein "gottgewollter Zustand" und schon gar keiner, der den Menschen in irgendeiner Weise verbessere.

Das Buch ist auf dem aktuellen Stand der Medizin und sollte für jeden praktizierenden Arzt, der häufig mit Schmerzpatienten zu tun hat, zur freiwilligen Lektüre gehören. Aber auch Nicht-Mediziner mit naturwissenschaftlichem Interesse werden von dem Buch profitieren.

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