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Buchkritik zu »Schneller als die Lichtgeschwindigkeit«

Wie der Autor erzählt, hat ihn als Halbwüchsigen das Buch "Die Evolution der Physik" von Albert Einstein und Leopold Infeld für die Naturwissenschaft gewonnen. In dem in den 1950er Jahren erschienenen Werk geht es um zwei wissenschaftliche Revolutionen – von "Paradigmenwechsel" sprach wenig später der Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn –, die fast gleichzeitig unter Einsteins aktiver Mithilfe stattfanden: Seine Allgemeine Relativitätstheorie entthronte Newtons Gravitationstheorie und damit die klassische, jahrhundertelang unangefochtene Grundlage jeder physikalischen Theorie des Kosmos. Auch an den Anfängen der Quantentheorie wirkte Einstein entscheidend mit, weigerte sich aber später im Gegensatz zur Mehrzahl der Physiker, die Konsequenzen dieser zweiten Umwälzung zu akzeptieren.

Durch Einstein und Infeld zur Physik verführt zu werden ist nicht ohne Risiko: Erstens erweckt ihre ungemein geschickte und eingängige Darstellung – ohne eine einzige mathematische Formel – den Eindruck, jedes Kind könnte die neueste Physik verstehen; und zweitens wird der Leser auf die Idee gebracht, für die heutige Naturforschung seien Revolutionen im Fünfjahresrhythmus typisch. Doch die meisten Forscher treiben ihr Leben lang das, was Kuhn "normale Wissenschaft" nennt: Sie ergänzen Details, feilen an Nuancen und machen gelegentlich sogar größere Entdeckungen, die aber deswegen noch lange nicht revolutionär sein müssen.

João Magueijo – er lehrt nach Aufenthalten in Berkeley und Princeton nun Theoretische Physik am Londoner Imperial College – hat sich offensichtlich mit dieser Tatsache niemals abgefunden. Er möchte als Umstürzler in die Wissenschaftsgeschichte eingehen und rüttelt darum keck am Fundament der Relativitätstheorie, indem er die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit – der unüberwindlichen Höchstgeschwindigkeit für jegliche Bewegung – infrage stellt.

Seine VSL-Theorie (für "Varying Speed of Light") gibt eine originelle Antwort auf die Frage, warum das Weltall heute allen Beobachtungen zufolge im Großen so überaus homogen ist, obwohl es der Urknall eigentlich in separate, völlig unzusammenhängende Fetzen hätte zerreißen müssen. Die Kosmologen sprechen vom Horizontproblem: Jeder Beobachter innerhalb einer bestimmten Raumregion sieht nicht weiter, als das Licht Zeit hatte, bis zu ihm zu gelangen. Beispielsweise war der Horizont ein Jahr nach dem Urknall nur ein Lichtjahr groß – ein Bruchteil der damaligen Größe des Universums. Demnach müsste das Universum heute ein Patchwork aus unzähligen voneinander abgekoppelten Bereichen mit völlig unterschiedlichen Eigenschaften sein – ist es aber nicht.

Die gängige Lösung des Horizontproblems heißt kosmische Inflation: Unmittelbar nach dem Urknall blähte das All sich derart rapide auf, dass der expandierende Raum selbst das Licht überallhin mitnahm. Eine Ameise, die über einen Ballon läuft, der gerade aufgeblasen wird, kommt auch schneller voran, als sie ihrer Natur nach laufen könnte. Die Physiker postulieren als Ursache der Inflation ein damals wirksames, stark abstoßendes "Inflaton"-Feld. Magueijo hingegen propagiert stattdessen die ketzerische Idee, damals sei die Lichtgeschwindigkeit um einen riesigen Faktor größer gewesen als heute.

Eine so radikale Änderung des Weltbildes ist allerdings ein Preis, den kaum ein Physiker zu zahlen bereit ist, um eine Erklärung für ein spezielles kosmologisches Problem zu bekommen. Das Inflatonfeld ist eine typische Ad-hoc-Lösung für das Horizontproblem, während Magueijo dafür gleich die gesamte Physik umstürzen will. Er gleicht einem Vabanquespieler, der alles auf eine Karte setzt, indem er inmitten einer Phase "normaler Wissenschaft" behauptet, Prophet der nächsten wissenschaftlichen Revolution zu sein.

Nun kann es durchaus spannend sein, einem Spieler bei dem Versuch zuzusehen, die Bank zu sprengen, und über weite Strecken ist es auch höchst vergnüglich, Magueijos Buch zu lesen. Man erlebt mit, wie der "normale" Forschungsbetrieb – gleichsam der Croupier in diesem Wissenschaftsroulette – sich gegen die Zumutung eines Newcomers wehrt, der selbst an der Roulettescheibe drehen möchte.

Weniger Spaß macht, dass Magueijo ein schlechter Verlierer ist. Weil die meisten Physiker verständlicherweise nicht ohne weiteres bereit sind, die wichtigste Naturkonstante der Kosmologie zur freien Disposition zu stellen, beginnt er auf den Forschungsbetrieb zu schimpfen. Er kokettiert mit der Rolle des Enfant terrible, benimmt sich aber oft nur kindisch. So bezeichnet er die Wissenschaftsredakteure von "Nature" und "Physical Review" als unfähig, weil sie seine Arbeiten nicht oder nur zögernd abdruckten. Ob man seine Mutmaßungen über die "Impotenz" wissenschaftlicher Kontrahenten witzig findet oder seinen Vorschlag, das "M" in M-Theorie – einer Weiterentwicklung der Stringtheorie – als Kürzel für Masturbation zu deuten, ist Geschmackssache.

Mit manchem wird er freilich Zustimmung finden. Viele Forscher sind wie er unzufrieden mit dem schwerfälligen "Peer-review"-Verfahren, bei dem Gutachter, die oft wissenschaftliche Widersacher sind, über die Publikation einer Arbeit entscheiden. Doch Magueijo vertritt die radikale Alternative: völlige Abschaffung jedes Prüfverfahrens; jeder soll nach Belieben veröffentlichen können. Damit müsste jeder für sich herausfinden, was in der wissenschaftlichen Literatur haltlose Spekulation ist und was nicht – eine grässliche Idee.

Als locker geschriebener Erlebnisbericht eines antiautoritären Theoretikers gibt das Buch unterhaltsame Einblicke in den heutigen Forschungsbetrieb; als parteiisches Plädoyer für Magueijos eigene Theorie ist es mit großer Vorsicht zu genießen. Sofern es den Eindruck erweckt, die Wissenschaft sei in Konventionen erstarrt und sperre sich prinzipiell gegen alles Neue, ist das Buch sogar schädlich. Denn damit adelt es jeden Anhänger einer närrischen Idee zum wissenschaftlichen Märtyrer.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 8/2003

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