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Scheinbehandlung mit dem Messer?

Viele chirurgische Eingriffe wirken nicht besser als eine Scheintherapie, kritisiert ein Arzt in diesem Buch.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie den Titel dieses Buchs lesen? Vermutlich etwas wie »Den Chirurgen geht’s also nur ums Geld und deswegen wird zu viel operiert«. Der englische Titel des Werks lautet aber »Surgery, the Ultimate Placebo« und trifft den Inhalt sehr viel besser. Denn das Buch ist weit mehr als simple Chirurgenschelte. Es geht um den Placeboeffekt in der Chirurgie und darum, wie er den Erfolg operativer Eingriffe beeinflusst. Autor Ian Harris ist selbst als orthopädischer Chirurg tätig und leitet eine Forschungseinrichtung in Australien mit den Schwerpunkten evidenzbasierte Medizin und klinische Studien in der Chirurgie.

Harris stellt die provozierende These auf, viele der üblichen chirurgischen Eingriffe seien nicht wirksamer als alternativmedizinische Behandlungen. Zumindest gebe es kaum Beweise für eine Wirksamkeit. Denn anders als bei der Zulassung eines neuen Medikaments müssen bei neuen chirurgischen Methoden keine klinischen Studien den Erfolg des Eingriffs mit dem einer Scheinbehandlung (Placebo) vergleichen. Harris zufolge gehören chirurgische Interventionen mit ihren äußerst ungewöhnlich gekleideten Medizinerteams, ihren Respekt einflößenden Operationssälen und dem Narkose-Prozedere zu den ultimativen und wirksamsten Placebos unserer Zeit.

So tun, als ob

Dass Operationserfolge zumindest teilweise auf dem Placeboeffekt beruhen, ist eigentlich keine Neuigkeit. Jedem Facharzt sollten inzwischen Studien bekannt sein, die ergeben haben, dass die Erfolge bestimmter OPs nicht größer waren als die von Scheineingriffen. Als Beispiel sei die Kniearthroskopie bei Arthrose erwähnt. Erstaunlicherweise ging es den Patienten, die lediglich Hautschnitte erhalten hatten, nachher genauso viel besser wie jenen, bei denen der Chirurg tatsächlich ins Gelenk geschaut und den Knorpel geglättet hatte. Der Behandlungserfolg beruhte also nicht auf der mechanischen Bearbeitung des Gelenks, sondern auf dem Drumherum des Eingriffs.

Trotzdem werden viele OPs ohne nachgewiesenen Nutzen weiterhin durchgeführt. Und da es in der Medizin natürlich auch um wirtschaftliche Aspekte geht, können finanzielle Überlegungen durchaus dazu führen, dass die Indikation zu einer Operation großzügiger gestellt wird, als es notwendig wäre. Harris verneint in seinem Buch aber explizit, dass Chirurgen bewusst und nur aus finanziellen Gründen einen solchen Eingriff empfehlen würden. Aus seiner Sicht spielen andere Aspekte eine viel größere Rolle. So ist die Chirurgie sehr stark von Erfahrung und Tradition geprägt. Ein Chirurg lernt sein Handwerk von einem älteren, erfahrenen Arzt, der nicht in Frage gestellt wird, solange es den Patienten nach der OP besser geht als vorher. Harris hält es für typisch menschlich, sich mehr auf eigene Beobachtungen zu verlassen als auf wissenschaftlich fundierte Zahlen anderer. Folgt ein Ereignis auf ein anderes, beispielsweise Besserung auf Behandlung, dann neigt das menschliche Gehirn dazu, einen kausalen Zusammenhang anzunehmen. Der ist aber vielleicht gar nicht vorhanden. Auch eine wissenschaftlich plausible Erklärung dafür, wie eine Maßnahme mutmaßlich wirkt, ist noch lange kein Beweis dieser Wirkung.

Harris ist ein überzeugter Vertreter der evidenzbasierten Medizin. Auch wenn hochwertige klinische Studien für chirurgische Prozeduren oft schwierig umzusetzen sind, hält er es in vielen Fällen für machbar. Das Argument, es sei ethisch nicht vertretbar, Patienten eine wirksame Operation vorzuenthalten, lässt er nicht gelten. Seiner Meinung nach ist es moralisch viel weniger akzeptabel, tausende Patienten den Risiken einer OP auszusetzen, obwohl diese nicht besser wirkt als ein Placebo – ganz zu schweigen von den Kosten.

Natürlich gibt es chirurgische Eingriffe, deren Nutzen offensichtlich ist, und es liegt Harris fern, sie alle pauschal in Frage zu stellen. Leider ist es für Laien nicht immer einfach zu erkennen, welche OPs bei genau welcher Indikation der Autor kritisiert. Das könnte bei manchen Lesern dazu führen, chirurgische Eingriffe generell abzulehnen, möglicherweise auch solche, die Leben retten.

Harris richtet sich vor allem an seine Kolleg(inn)en, die er daran erinnert, ihren eigenen Therapieerfolgen etwas skeptischer gegenüberzustehen und sich auch in der Chirurgie mehr auf wissenschaftliche Evidenz zu verlassen. Er hofft, dass sein Buch dazu beiträgt, das Bewusstsein für den Placeboeffekt in der Chirurgie zu schärfen und mehr sowie qualitativ höherwertige Studien hervorzubringen.

Der Band ist laienverständlich geschrieben, leicht zu lesen und zugleich wissenschaftlich fundiert und mit zahlreichen Literaturhinweisen belegt. Leider wirkt die Übersetzung aus dem Englischen an manchen Stellen sehr unprofessionell, was man dem Autor aber nicht anlasten kann. Harris möchte alle Patient(inn)en mit seinem Buch dazu ermutigen, sich vor einer anstehenden Operationsentscheidung valide zu informieren und ihrem Arzt die richtigen Fragen zu stellen. Zu den Adressaten gehören wie gesagt auch chirurgisch tätige Ärztinnen und Ärzte, doch leider werden die wohl von dem deutschen Titel eher abgeschreckt.

16/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16/2020

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