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Vom Öffnen des Körpers

Der niederländische Chirurg Arnold van de Laar beschreibt seine Profession im vorliegenden Buch. Das tut er sehr anschaulich, so dass man während des Lesens das Gefühl bekommt, im Operationssaal dabei zu sein. Auch schildert er, wie seine Kollegen in vergangenen Jahrhunderten ihren Beruf ausübten. Angesichts seiner plastischen Erzählweise macht sich ein seltsames Gefühl in der Magengegend breit, wenn er zum Besten gibt, wie Chirurgen früher Beine amputierten: Mit Schlachtermesser und Schaber – und ohne Narkose. Zum Glück sind solche Szenen in modernen Operationssälen unvorstellbar. Wie sich die blutigen "Massaker" von einst zur minutiösen Präzisionschirurgie von heute entwickelt haben, stellt van de Laar im Zeitraffer dar.

Im Mittelalter gehörten Chirurgen noch in dieselbe Gilde wie Haarschneider, Schlittschuh- und Holzschuhmacher. Heute zählen die schneidenden Ärzte zwar zu den angesehensten Berufsgruppen, doch Handwerker sind sie immer noch: Die Geschicklichkeit ihrer Hände entscheidet über Leben und Tod der Patienten. Komme es bei einer OP zu Komplikationen, sei der behandelnde Chirurg durch das moderne Medizinrecht geschützt, schreibt van de Laar. Zumindest solange, wie er seiner "Bemühungsverpflichtung" hinreichend nachgekommen sei. Vor rund 4 000 Jahren dagegen galten in Babylonien die Gesetze des Hammurabi, laut denen die Arbeit des Chirurgen als ergebnisorientiert galt: Er unterlag dem Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Das konnte für ihn schnell lebensgefährlich werden.

Blutiges Geschäft

Nach einer langen, von vielen Rückfällen geprägten Entwicklung in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit führte man im 19. Jahrhundert die Narkose ein und erkannte die Bedeutung der Hygiene. Neue Methoden wie die Endoskopie ersetzten auf Aberglauben basierende Methoden wie den Aderlass. Mit der Zeit konnten Chirurgen so mehr und mehr Menschen retten. Die Geschichten einzelner Patienten – ob Berühmtheiten oder "einfache" Bürger – nehmen einen großen Teil des Buchs ein. Van de Laars detailreiche Beschreibungen derer Verletzungen und der jeweiligen chirurgischen Behandlung sind aus heutiger Sicht teils skurril, teils überraschend und manchmal abscheulich, zumindest wenn man als Leser über ausreichend Fantasie verfügt, sich in die Rolle der Patienten von damals hineinzuversetzen.

Das Buch besticht durch eine spannende Mischung aus medizinischem Fachwissen, historischen Fakten und Anekdoten. Es ist lehrreich, unterhaltend und hochspannend zugleich. Einzelne Fremdwörter vermittelt der Autor in separaten Textboxen, ebenso wie weitere wissenswerte Informationen, die zum Verständnis des Texts beitragen. Ein ausführliches Glossar enthält alle verwendeten Fachausdrücke.

"Schnitt!" entpuppt sich als Gewinn für alle am Thema Interessierten. Nicht zuletzt deshalb, weil es viele medizinische Rätsel auflöst: Wieso wies John F. Kennedys Leiche bei zwei Durchschüssen nur drei Schusswunden auf? Weshalb schaffte es Kaiserin Sissi, ihr Schiff nach Montreux rechtzeitig zu erreichen, obwohl eine Feile ihr Herz durchbohrt hatte? Warum stand der angeschossene Papst Johannes Paul II. bei seiner Bauchoperation buchstäblich Kopf?

Die "Top 10" der Chirurgen in klassischen Werken des fiktionären Genres schließt den gelungenen Band ab. Darunter sind Viktor Frankenstein, Dr. Leonard "Pille" McCoy sowie Ash, der Wissenschaftsoffizier an Bord des Raumschiffs Nostromo in Ridley Scotts "Alien". Mit Blick auf die Sciencefiction und ihre abgehobenen Visionen für die Medizin verspricht van de Laar, dass niemals ein Roboter den Chirurgen ersetzen könne. Ein beruhigendes Fazit.

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