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Manipulant, Komplize und Profiteur

Eine brillante Studie kratzt am guten Bild des römischen Moralphilosophen Lucius Annaeus Seneca.

Der römische Kaiserhof zu Neros Zeiten (37-68 n. Chr.) glich einem Haifischbecken, in dem niemand seines Lebens sicher war. Mehr als zehn Jahre lang behauptete sich dort der römische Philosoph Seneca (1-65 n. Chr.), der dazu auserkoren war, den jungen Prinzen auf dessen künftige Rolle als Kaiser vorzubereiten und mäßigend auf dessen schwierigen Charakter einzuwirken. Dass dies gründlich misslang, lehrt die Geschichte.

Der amerikanische Althistoriker James Romm nimmt in seinem Buch, das nun in deutscher Sprache vorliegt (englische Originalausgabe: "Dying Every Day – Seneca at the Court of Nero", New York 2014), die Beratertätigkeit des römischen Philosophen an Neros Hof in den Blick. Er erörtert vor allem die Frage, inwieweit dieser von den Missetaten des Kaisers wusste, sie deckte oder gar mit initiierte.

Mord in diversen Spielarten

Nah an den Quellen und auf dem aktuellen Stand der Forschung analysiert der Autor die Verhältnisse am römischen Kaiserhof, wo man einem betagten Höfling zufolge nur alt werden konnte, "wenn man Unrecht hinnimmt und sich dafür auch noch bedankt". In diesem Milieu aus Intrige, Verstellung, Servilität und Machterhalt war Mord ein probates Mittel zum Zweck. Romm beleuchtet ein königliches Familiendrama, in dem die machthungrige Kaisermutter Agrippina und der pubertierende Jungkaiser Regie führen: "Königsmord", "Brudermord", "Muttermord", "Gattenmord", "Selbstmord" lauten die Kapitel, in denen die schrecklichen Verbrechen geschildert werden.

Mittendrin in diesem tödlichen Spiel, und nicht nur als stiller Beobachter, mischte jahrelang Seneca mit, damals Roms bekanntester Denker. Romm deckt diverse Widersprüche in dessen Persönlichkeit auf und weist nach, dass der römische Philosoph weit tiefer in Neros Terrorregime verstrickt war als bislang angenommen – als Komplize, Erfüllungsgehilfe und Profiteur.

Frappant ist der krasse Gegensatz zwischen Senecas hochmoralischen Traktaten und seinem politischen Handeln. Der Denker, der als Stoiker dem Ideal der Bescheidenheit verpflichtet war, führte ein Leben in Saus und Braus und nutzte seinen politischen Einfluss am Kaiserhof skrupellos, um sich zu bereichern. Seneca hatte als Neros Mentor und Berater zahlreiche Geschenke angenommen: Gärten, Villen, Landgüter. Dies, schreibt Romm, machte ihn zum Komplizen und Profiteur der brutalen Vorgehensweisen, mit denen jene Güter erlangt worden waren. Seneca besaß Latifundien in Ägypten, Spanien und Kampanien; vor allem aber war sein Portfolio, wie der Autor schildert, "auf Investitionen mit großem Wachstumspotenzial" ausgerichtet, insbesondere auf Geldverleih.

Wasser predigen, Wein trinken

Trotz spärlicher Quellen gelingt es dem Autor, diese Widersprüche auszuleuchten. Ein "klassisches Eigentor" habe Seneca beispielsweise mit seinem Traktat "Über die Wohltaten" geschossen, in dem er Reichtum und speziell Kreditzinsgeschäfte umfassend verdammte und somit heftige Kritik genau an der Praxis übte, mit der er selbst sein Vermögen gemehrt hatte. In seinem Traktat "Vom glücklichen Leben" wiederum bezeichnete er Reichtum dann als legitim, wenn dieser "nicht von fremdem Blut triefe und ohne schmutzige Herkunft" sei. Eine gewagte Aussage angesichts der schon damals kursierenden Anschuldigung, Seneca sei Nutznießer von Besitztümern gewesen, die Neros mutmaßlich ermordetem Stiefbruder Britannicus (41-55 n. Chr.) gehört hatten. Für Romm steht fest: Seneca war ein "schlauer Manipulant", der angesichts seiner Verstrickung in die finsteren Verbrechen am Kaiserhof bestrebt war, "seinen Ruf mit wohlbedacht ausformulierten, literarischen Paradestücken zu retten".

"Seneca und der Tyrann" zeigt mustergültig, dass Macht korrumpiert. Romm versteht es meisterhaft, die Mechanik des höfischen Lebens auszuleuchten und seinen Protagonisten darin zu verorten. Am Ende eröffnet sich dem Leser das Bild eines ebenso zwiespältigen wie undurchsichtigen Charakters, der seinen hohen Idealen als stoischer Philosoph kaum gerecht wurde und – mit seinem erzwungenen Selbstmord – einen hohen Preis für seine dunklen Kungeleien zahlte.

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