»Sharkpedia«: Haie sind keine Monster
»Haie – allein ihre Erwähnung kann ausreichen, um bei ansonsten völlig vernünftigen Menschen extreme Reaktionen auszulösen«, schreibt der US-amerikanische Biologe Daniel C. Abel. Der Professor für Meereswissenschaften an der Coastal Carolina University (South Carolina) erforscht die Ökologie und Physiologie von Haien. Ein ambivalentes Bild begleite die Tiere seit Jahrzehnten, so der Autor, nicht zuletzt seit Peter Benchleys Bestsellerroman »Jaws« (1974) und dessen Adaption in Steven Spielbergs Blockbuster »Der weiße Hai« (1975). Buch und Film hätten zwar das Interesse an Haien explosionsartig vergrößert, aber auch Ängste geschürt, die bis heute bestehen.
Mit »Sharkpedia« hat Abel nun eine Enzyklopädie verfasst, die mit Vorurteilen aufräumt und Vielfalt, Komplexität und Schutzwürdigkeit der Haie zeigt. Er tut dies in über 100 Beiträgen, die von A wie »Adaption« bis Z wie »Zum Schluss: Warum Haie wichtig sind« reichen. In ihnen trägt er Ergebnisse aus seiner Forschung und der anderer Biologen zusammen. Die Texte sind meist nur zwei bis vier Seiten lang – oder auch mal bloß zwei Sätze kurz wie der zur Brutpflege bei Haien: »Gibt es nicht. Ist es nicht schon tugendhaft genug, dass Haie ihre Nachkommen nicht auffressen?« Das Bild vom Hai als riesigem, menschenfressendem Raubmonster entlarvt der Autor als das, was es ist: eine grobe Verzerrung.
Die ungeheure Vielfalt der Haiwelt
Zwei Drittel der rund 540 rezenten Haiarten messen weniger als einen Meter, mehr als die Hälfte lebt in der Tiefsee – also im Bereich unter 200 Metern, wo sie kaum je ein Mensch zu sehen bekommt. Auch der Weiße Hai (Länge bis zu sechs Meter, Gewicht bis zu 1900 Kilogramm) wird sachlich eingeordnet: Die Darstellung »als rachsüchtige Fressmaschine mit einer besonderen Vorliebe für Menschen ist reine Fiktion«. Spielberg entschuldigte sich übrigens 2022 für die negativen Auswirkungen seines Films auf die Haipopulationen; Benchley hatte seine sensationslüsterne Darstellung von Haien bereits einige Jahre vor seinem Tod (2006) bedauert und setzte sich für den Schutz von Haien ein.
Der Meeresbiologe Abel vermittelt fundiertes Wissen. Er erklärt grundlegende biologische Zusammenhänge ebenso anschaulich wie besondere Eigenheiten einzelner Arten. Er schildert unterschiedliche Fortpflanzungsstrategien (eierlegend oder lebendgebärend, 1 bis 300 Nachkommen), spektakuläre Phänomene wie intrauterinen Kannibalismus beim Sandtigerhai sowie Besonderheiten wie den Kiefer mit ständigem Zahnersatz oder die mit Placoidschuppen (Miniaturzähnchen) bedeckte Haut. Hinzu kommen Kapitel über Ernährungsweisen und Lebensräume (Süßwasser, Hochsee, Tiefsee oder Polarmeere) sowie ungewöhnliche Perspektiven, etwa die auf Haie in Literatur und Musik.
Überraschend: Nicht alle Haiarten sind Spitzenprädatoren – und drei Arten sind gar Planktonfresser, unter ihnen der mit bis zu 18 Metern Länge größte Hai: der Walhai. Eindrucksvoll sind Angaben zur Lebenserwartung: Ein Weißer Hai kann 70 Jahre alt werden, ein Grönlandhai vermutlich weit über 200 Jahre. Langsames Wachstum, späte Geschlechtsreife und geringe Nachkommenzahlen machen viele Arten verletzlich. In Porträts einzelner Arten stellt Abel charakteristische Besonderheiten vor. So zählt der Bullenhai zu den kräftigsten Haien und kommt auch im Süßwasser vor. Der Tigerhai wird bis zu fünf Meter groß, hat aber überraschend schwache Kiefermuskeln. So entsteht ein lebendiges Bild der enormen Bandbreite an Formen, Größen und Lebensweisen, und schnell begreift der Leser: Es gibt ihn nicht, den einen Hai.
Überfischung als größte Bedrohung für Haie
Immer wieder weist der Biologe auch auf die Gefährdung der Tiere hin. Etwa ein Drittel aller Haie und Rochen gelte als »gefährdet, stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht«. Überfischung stelle »eindeutig die größte Gefahr« für Haie (und Rochen) dar – sowohl unbeabsichtigt als Beifang als auch durch eine gezielte Befischung, etwa auf der Jagd nach Haifischflossen; die Überfischung sei derzeit im Vergleich zur Zerstörung von Lebensräumen sowie allgemein zu den Folgen von Umweltverschmutzung und Klimawandel einfach die größere Bedrohung. Abel beschreibt auch Maßnahmen zur Beifangreduktion und erklärt, warum Haie für die biologische Vielfalt von Ökosystemen wichtig sind.
»Sharkpedia« richtet sich an naturkundlich Interessierte und eignet sich auch zum gezielten Nachschlagen und Schmökern. Das Buch vermittelt nicht nur erstaunliches Wissen über Haie, sondern wirbt auch für Respekt gegenüber ihrer ökologischen Bedeutung. Der Autor will seine Leser dazu motivieren, sich über die Tiere zu informieren und aktiv zum Erhalt ihrer biologischen Vielfalt beizutragen. Die Zeichnungen des Illustrators Marc Dando verleihen dem Buch eine zusätzliche Qualität. Ein kleiner Schwachpunkt: Fehlende Bildlegenden erschweren bei einigen dargestellten Arten die Zuordnung. Eine Literaturliste zum Vertiefen einzelner Aspekte dokumentiert den wissenschaftlichen Anspruch des Buchs.
So bietet diese Enzyklopädie viel mehr als eine reine Faktensammlung. »Sharkpedia« ist ein engagiertes Plädoyer für wissenschaftliche Aufklärung und den Schutz mariner Lebensräume. Daniel C. Abel schreibt sachlich, fundiert und begeisternd – seine Faszination für Haie ist in jedem Abschnitt seines Buchs spürbar.
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