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»Sieben Tiere schlagen zurück«: Packende Naturgeschichte

Was verbindet den Forscher Willem Barents mit Tieren wie dem Narwal oder dem Lemming? Die Antwort auf Fragen wie diese geben sieben herausragende literarische Reportagen.

»Sieben Tiere beißen zurück« – als wörtliche Entsprechung des niederländischen Originaltitels – wäre auch in unserer Sprache der treffendere Titel gewesen. Nun »schlagen« die Tiere also zurück, was etwas ungeschickt klingt und so diesem besonders fein erzählten Buch nicht ganz gerecht wird.

Bücher über Tiere oder Pflanzen, die mit den Menschen so ihre Probleme haben, gibt es zuhauf. Frank Westerman hat aber eines geschrieben, das sich deutlich vom Großteil vergleichbarer Veröffentlichungen unterscheidet. »Sieben Tiere schlagen zurück« ist eigentlich eine Sammlung von sieben Essays, die man in beliebiger Reihenfolge lesen kann. Sie erinnern in ihrer Methode an die »Naturgeschichten« von Stephen Jay Gould (1941–2002), die der amerikanische Paläontologe für den »Scientific American« schrieb: Ausgehend von einer neuen, interessanten oder ungewöhnlichen Beobachtung, entfaltet der Autor mit journalistischem Instinkt geradezu raffiniert seine Gedanken.

Als roter Faden dienen Westerman die Reisen des niederländischen Polarforschers Willem Barents (um 1550–1597), der auf der Suche nach der Nordostpassage als Erster eine Überwinterung in der Arktis unternahm und als Entdecker Spitzbergens gilt. Das Buch beginnt mit der Erklärung einiger Begriffe, die im Textverlauf wichtig werden, und reist dann sieben Tieren »im Kielwasser Barents’« hinterher. So werden Narwal, Lemming, Aal, Ringelgans, Eisbär, Rentier und Königskrabbe »aus ihrer dahinschmelzenden Welt gehoben«.

Dabei wird Naturgeschichte zu Zeitgeschichte. Frank Westerman ist ein viel gereister und belesener Autor, der glänzend formuliert. Jede dieser sieben Abhandlungen ist sorgfältig recherchiert und in einem kleinen »Nachtrag« durch Quellen belegt. An einem Beispiel, das mich als Ornithologen besonders ansprach und von dem ich bis dahin keinerlei Kenntnisse hatte, möchte ich illustrieren, wie Westerman seine Texte geradezu webt.

Das Rätsel um das Verschwinden der Ringelgänse

Die Beobachtungen des Autors zur Ringelgans beginnen mit einem in den Niederlanden weit verbreiteten »Gänsespiel« – einem Brettspiel, das man geradezu selbstverständlich als »holländisch« ansah. Genau das war es aber nicht, vielmehr stammte es vermutlich aus der Toskana, wo es bereits seit Jahrzehnten in Gebrauch war, als es 1597, im Todesjahr Barents’, als »schönstes Spiel der Gans« von der Zunft der Drucker und Verleger in London registriert wurde. Etwas früher, im Juni 1596, entdeckten Kundschafter von Barents’ Schiff auf Spitzbergen brütende Ringelgänse – nun kannte man endlich das Gebiet, in dem sich die Tiere vermehrten.

Das nächste markante Datum liegt dann sehr viel näher an der Gegenwart: 1932 verkaufte ein holländisches Unternehmen Barentsburg, eine nach dem Polarforscher benannte Niederlassung auf Spitzbergen, an Josef Stalin beziehungsweise eine russische Gesellschaft, samt Kohleminen und den dazugehörenden Gebäuden. Bald danach bemerkten die Bewohner der holländischen Insel Wieringen, die von der Jagd der Gänse lebten, dass die Tiere ausblieben und auch die Seegraswiesen des Wattenmeers, in denen die Tiere ihre Nahrung gefunden hatten, verschwanden.

Als die Niederlande 1975 endlich begannen, sich um die Ringelgänse zu kümmern, war die Population der überwinternden Tiere im Laufe der vorherigen Jahrzehnte von 200 000 auf rund 20 000 gesunken. Naturschützer forderten das Ende der Eindeichung, auf Texel wurde ein »Naturgarten« mit Futter für Ringelgänse eingerichtet. Man glaubte seinerzeit an eine ökologische Ursache für das Verschwinden der Tiere: den Verlust der Seegraswiesen.

Die Spur führt zum Terrorregime der Sowjetunion

Bei einem Gespräch des Autors mit einem führenden Ornithologen in Den Haag, der diese These für völlig falsch hält, ergibt sich eine andere Fährte. Westermans Nachforschungen verlagern sich nun auf das Brutgebiet östlich von Nowaja Semlja. Als Korrespondent besucht der Autor dort die Rastplätze der Gänse, als er an einer Serie über den Archipel Gulag arbeitet. Dabei erfährt er: Auf einer der Solowezki-Inseln, einer Inselgruppe im Weißen Meer knapp unterhalb des Polarkreises, gab es 1966 rund 31 000 Ringelgänse, 1992 aber 314 000. Wie sollte man sich das erklären?

Schließlich besucht Westerman eine Gedenkstätte auf besagter Insel, auf der sich mit dem »Sonderlager Solowezki« gleichsam das Modell des sowjetischen Lagersystems befand, zu dem auch der Archipel Gulag gehörte. Dabei fällt ihm eine Federzeichnung aus einer Zeitung von 1934 in die Hand; sie zeigt die Häftlinge bei der Gänsejagd – einem wahren Massaker. Damit hat Westerman die Antwort auf die Frage gefunden, warum die Population der Ringelgänse seit den 1930er Jahren so massiv geschrumpft war: »Durch ihre abnehmende Zahl berichtet die Ringelgans als Erste von den Gräueln des Archipel Gulag – ein Vierteljahrhundert vor Alexander Solschenizyn.«

Das alles erzählt der Autor auf gut 30 Seiten, die ihn als einen großartigen Vertreter der literarischen Reportage ausweisen. Denn die übrigen sechs Essays sind von gleicher Qualität. Leider haben sich einige kleinere Schnitzer in den Text eingeschlichen, für die wohl das Lektorat verantwortlich zeichnet – sie sind weder durch die Übersetzung ins Deutsche zu erklären noch entsprechen sie dem Niveau des Autors. Ärgerlich sind beispielsweise Details wie »[…] und an Tag vierzehn sind sie, trara!, geschlechtsreif« (S. 63) oder »Wir appten umgehend unsere Glückwünsche« (S. 272). Sie ändern aber nichts daran, dass Frank Westerman in »Sieben Tiere schlagen zurück« herausragende Essays zu einem besonderen Buch miteinander verbunden hat.

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