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Buchkritik zu »Sisyphos im Maschinenraum«: Eine kritische Geschichte der Technik

Technikgeschichte ist keine Heilsgeschichte. Das verdeutlicht Martina Heßler in ihrem Werk, das für den Deutschen Sachbuchpreis 2025 nominiert wurde.

Die Historikerin Martina Heßler widmet sich in ihrem Buch der Geschichte der Technik und präsentiert darin ihre Gedanken über die Entwicklung des Verhältnisses von Mensch und Maschine. Sie schildert Technikgeschichte als eine »Geschichte der modernen Ideen einer guten, einer besseren Gesellschaft«. Zur Beschreibung der Beziehung des Menschen zur zeitgenössischen Technik schlägt sie das Konzept der »Doppelfigur« vor: auf der einen Seite der fehlerhafte Mensch, auf der anderen Seite die makellos funktionierende Maschine.

Allerdings beruhe die vermeintliche Fehlerhaftigkeit des Menschen im Wesentlichen darauf, dass man die Leistungen von Maschinen als Maßstab zu Grunde lege: Maschinen gelten im Allgemeinen als fehlerlos, während menschliches Verhalten im Vergleich dazu zwangsläufig Mängel offenbare. So habe man sich in der Historie immer wieder bemüht, menschliche Fehler durch den Einsatz von Maschinen zu beseitigen – etwa in der Industrie oder im Handwerk. Eine Werkzeugmaschine fertigt denn auch schneller und präziser als ein Mensch, das Gleiche gilt für Taschenrechner oder Computer in Bezug auf das Anstellen von Berechnungen. So sei das Versprechen einer überlegenen Effizienz von Maschinen immer wieder erneuert worden. Demgegenüber betont Heßler, dass menschliches Verhalten sehr wohl auch positive Aspekte aufweist.

Die Autorin entfaltet ihre Technikgeschichte in vier Kapiteln. Zunächst wird der »im Vergleich zur Technik fehlerhafte Mensch« dargestellt. Heßlers Überlegungen hierzu lassen sich auch auf Gedanken von Günther Anders (1902–1992) zurückverfolgen, der seinerzeit über einen »Technik genannten Weltzustand« sprach. Damit charakterisierte er bereits seine Zeit als eine, in der Technik längst viel mehr war als ein Mittel zu einem vom Menschen definierten Zweck. Die Autorin schildert verschiedene Abschnitte dieser Entwicklung – von den Anfängen der Industrialisierung über die Technikbegeisterung des 20. Jahrhunderts bis hin zur Gegenwart mit künstlicher Intelligenz und kybernetischen Körpern.

Ein Fortschritt, der immer neue Probleme schafft

Im zweiten Kapitel, das sich mit den »Obsessionen der mechanischen Moderne« sowie dem »Ideal der Maschine und fehlerhaften Menschen seit dem frühen 19. Jahrhundert« auseinandersetzt, untersucht Heßler die Figur des unvollkommenen Menschen in Relation zum Ideal der mechanischen Maschine. Das dritte Kapitel mit dem Titel »Sisyphos im Maschinenraum« widmet sich den »Tücken des fehlerhaften Menschen im 20. Jahrhundert«. Die Autorin verdeutlicht anhand vieler Beispiele, dass technologische Neuerungen oft als Fortschritte gefeiert wurden, die dann aber immer wieder neue Defizite offenbarten. Der Mensch sei damit beschäftigt, immer leistungsfähigere Maschinen zu schaffen, die dann neue und meist wesentlich komplexere Fehler hervorbringen. Dies erinnert an den titelgebenden Sisyphos, der unermüdlich mit seiner unlösbaren Aufgabe beschäftigt ist.

Ein alltägliches Beispiel dafür ist die auf unseren Computern eingesetzte Software, deren Funktionsweise jedoch selbst Fachleute kaum noch im Detail nachvollziehen können – wie im Kapitel »Computerbugs, irrtümliche KI und kaputte Superhumans« nachzulesen ist. In diesem Abschnitt analysiert Heßler »Maschinen von den 1970er Jahren bis zur Gegenwart« und beleuchtet die Fehler, die durch diese Geräte und Computerprogramme entstehen, sowie deren Auswirkungen auf unser Leben.

Ein Beispiel aus dem Jahr 1983 in der Sowjetunion verdeutlicht, dass Maschinen keineswegs per se überlegen sind, wenn es darum geht, eine verlässliche Grundlage für menschliches Denken und Handeln zu liefern. Das dortige Satellitenkontrollzentrum meldete den Start einer amerikanischen Interkontinentalrakete – eine Nachricht, die eigentlich unmittelbar einen atomaren Vergeltungsschlag hätte auslösen müssen. Der verantwortliche Offizier entschied jedoch aufgrund seiner Erfahrung, dass dies ein Fehlalarm sein musste, und verhinderte damit den Dritten Weltkrieg.

Immer wieder berichtet die Autorin von Fällen, in denen die Einschätzungen von Menschen maschinell getroffene oder empfohlene Entscheidungen korrigierten. Und sie kritisiert den Glauben an den sogenannten technological fix – die Überzeugung, dass technologische, politische oder gesellschaftliche Herausforderungen ausschließlich durch technische Lösungen bewältigt werden können.

»Sisyphos im Maschinenraum« ist in einem klaren und flüssigen Stil verfasst. Wer das Thema nach der Lektüre weiter vertiefen möchte, findet dafür im Anhang mit ausführlichem Literaturverzeichnis und vielen detaillierten Anmerkungen eine gute Grundlage.

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