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»Situation und Konstellation«: Vom Kölner Keller ins begriffliche Nirwana

Wir seien immer mehr in Konstellationen gefangen, die uns kaum Handlungsspielräume lassen, so Hartmut Rosa. Präzise begründen kann er diese These allerdings nicht.

Oft sorgt der »Keller in Köln«, der Video Assistant Referee (VAR), für wütende Reaktionen bei Fußballfans, wenn er eingreift und den »Schiri« vor Ort veranlasst, wegen einer nicht regelgerechten Aktion ein Tor zu überprüfen und sogar abzuerkennen. Ist aber der Schiedsrichter auf dem Feld tatsächlich so machtlos? Wird er vom Handelnden zum Vollziehenden und muss sich unweigerlich dem VAR beugen?

Hartmut Rosa war vermutlich sehr aufgebracht beim letzten Heimspiel seiner Freiburger in der Saison 2022/23, als der VAR eingriff. Darauf kommt er häufig zurück. Mit diesem Alltagsbeispiel und anderen Anekdoten, die er ständig wiederholt, spickt der Jenaer Soziologe seine Argumentation: Er versucht zu belegen, dass Menschen heute seltener situativ handeln und stattdessen fast nur noch als Vollzugssubjekte in regelhaften Konstellationen agieren. So gehe Ermessensspielraum für Entscheidungen verloren, Selbstwirksamkeitserfahrungen würden untergraben, Menschen ihrer Urteilskraft enthoben.

Niemand bezweifelt ernsthaft, dass Überbürokratisierung eigenes Handeln erstickt, dass Vorschriften von Verantwortung entlasten und Digitalisierung Spielräume einengt. Überall müssen wir komplizierte Formulare ausfüllen, erleben Personen hinter Schaltern und Schreibtischen, die uns nicht mehr sehen, sondern nur noch auf ihre Bildschirme starren. Man muss Rosa recht geben, wenn er von »einer tiefgreifenden Veränderung des Charakters unseres Handelns« und vom Verlust des Ermessensspielraums spricht.

Vage Nostalgie statt präziser Argumentation

Dennoch überzeugt das Buch nur in dieser sehr allgemeinen Diagnose, nicht aber in seinen Versuchen ihrer theoretischen Fundierung und anekdotischen Veranschaulichung. Sein Begriff von »Handeln« erscheint diffus, rein affektiv, wird aber dennoch auf Urteilskraft bezogen; Situationen seien flexibel, aber Konstellationen so kosmisch starr definiert, dass sie regelhaftes Verhalten erzwängen und Menschen »der digital-binären Vollzugslogik der Maschinen« aussetzten. Es sind gerade solche ungenauen Überzeichnungen, die den Leser die Stirn runzeln lassen. Zudem reproduziert Rosa selbst im Gegensatzpaar »Situation und Konstellation« die von ihm so beklagte Binarität.

Auch wenn sie noch so häufig wiederholt werden: Rosas Beispiele überzeugen nicht. Denn man kann sie auch leicht anders lesen: Der VAR zeigt dem Schiedsrichter auf dem Platz zwar nur die Zeitlupe der vorausgegangenen Spielsituation – Fußball ist inzwischen so schnell geworden, dass ein Schiedsrichtergespann schon mal überfordert ist. Die Zeitlupe hilft dem Hauptverantwortlichen aber dann, die Situation neu zu interpretieren, er wird deshalb nicht schon zum bloß Ausführenden, als den Rosa ihn hinstellt. Genauso wenig ist der Verkäufer in Burger-Restaurants machtlos. Er kann sehr wohl dem kleinen Mädchen den auf den Boden gefallenen Burger ersetzen. Jeder Betrieb produziert Ausschuss, der eingepreist ist; Kundenbindung ist ein wichtiger Faktor, und ein Verkäufer hat als Mensch immer die Möglichkeit, auf die eine oder andere Weise zu reagieren.

Rosa verweist auf veränderte Lebensregeln, liefert jedoch keine Erklärungen zu deren Ursprung oder Entstehung. Ein Blick in Lorraine Dastons Buch »Regeln« hätte ihm Anhaltspunkte dafür vermittelt, wie neue Regeln in Leben und Wissenschaft entstehen. Stattdessen lamentiert der Autor darüber, dass die Uni ihn zwinge, den Studierenden zeitnah die korrigierten Hausarbeiten zurückzugeben. Kommt ihm nicht in den Sinn, dass sie früher monatelang Professoren für einen Schein hinterherlaufen mussten, den sie dringend für die Prüfungsanmeldung oder einen Uniwechsel benötigten?

Rosa beklagt zum Beispiel, dass Daten und Evidenz die heutige Wissenschaft dominierten (»Was sagen uns diese Daten? Genauer besehen nicht viel«), aber ohne gesicherte Daten fällt sie ins Nebulöse – so wie er selbst allzu oft in seinem Text. Daten sprechen selbstverständlich nicht für sich allein, sondern müssen interpretiert werden; das ist eine Binsenweisheit.

Eigenwillige Philosophiegeschichte

Schlimmer noch, Rosa nutzt ein altes Vorurteil für seine Argumentation: »Situation« sei positiv mit der »kontinentalen Philosophie« verbunden, die sich mit »zentralen Autoren vergangener Epochen« beschäftige. »Konstellation« sei dagegen negativ, weil verknüpft mit der »hoffnungslos naive[n]« analytischen Philosophie. Diese merkwürdige Gegenüberstellung blendet aus, dass die Begründer der analytischen Philosophie Europäer waren (Frege, Wittgenstein, der »Wiener Kreis«). Dass die analytische Philosophie inzwischen längst auch die Metaphysik wiederentdeckt hat, lässt Rosa ebenfalls unerwähnt.

Bei der Lektüre gewinnt man immer wieder den Eindruck, dass dem Autor die Schwächen seiner Argumentation durchaus bewusst sind. Sie folgt einem Schema: Er beginnt die Kapitel mit einem Lob des situativen Handelns, um im Anschluss regelbasierte Konstellationen zu beklagen, in denen »Gefühle« keine Rolle mehr spielten. Aber am Schluss »kriegt er noch die Kurve« und verweist auf unbezweifelbare Vorteile von Konstellationen, die etwa Korruption verhinderten, Gleichheit und Gerechtigkeit beförderten, vor Risiken schützten. In dieser Unentschiedenheit bei der Bewertung von Situation und Konstellation schwingt eine vage Nostalgie mit, nach einer verloren gegangenen dörflichen Welt, wo der nette Polizist ein Auge zudrücken konnte, nachdem er den Nachbarjungen auf einem frisch frisierten Mofa erwischt hatte. Es scheint so, als wolle Rosa mit seinem Buch ein bisschen Sand ins Getriebe der funktional differenzierten Moderne streuen, sich aber auch das am Ende nicht zu trauen.

Im Schlusskapitel wagt Rosa dann eine »Rückeroberung der Spielräume« – aber warum er sich dafür am brasilianischen Phänomen des »jeitinho« vergreift, bleibt sein Geheimnis. Wer wie ich in Brasilien aufgewachsen ist, reibt sich die Augen. Rosa rückt den »jeitinho« zu leichtfertig in die Nähe von Korruption, ohne seinen kulturellen Hintergrund zu durchdringen. Denn »jeitinho« ist nicht, wie so gern behauptet wird, der »kleine Weg«, der oft auch als krumm dargestellt wird, sondern eine Art und Weise von Distinktion in der noch hierarchischen Gesellschaft. In ihr dominieren freundschaftliche Beziehungen das Leben. Man erweist Freunden selbstverständlich Gefallen, bemüht dafür eigene weite Freundeskreise und verzichtet bewusst auf eine Gegenleistung. In Deutschland sprach man in solchen Fällen einst von »Vitamin B«, das ebenfalls nicht zwangsläufig korruptes Verhalten bezeichnete. Rosas Verständnis des »jeitinho« fällt jedenfalls arg bieder aus und wird ihm nicht ansatzweise gerecht.

Insgesamt wirkt dieses Buch wie aus der Zeit gefallen. Seine holistisch-mythische Suche gilt dem »ganzen Menschen«, der autonom in Situationen handelt, aber sein Autor findet doch meist nur den in Konstellationen Gefangenen vor. Seine Sprache ist umständlich, sein Text ist eher von Vermutungen (»möglicherweise«, »vielleicht«, »könnte sein«) denn von Aussagen geprägt. Das mag ein Publikum ansprechen, das philosophischem Raunen etwas abgewinnen kann. Wer allerdings auf klar formulierte Erkenntnisse auf der Höhe der Zeit hofft, wird hier eher nicht fündig.

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