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»Skandal in Königsberg«: Skandalöse Mikrogeschichte

Zwei Prediger werden Opfer einer Intrige. Obrigkeit, Medien und Justiz bilden dabei eine unheilige Allianz. Christopher Clark enthüllt die Details dieses Skandals.

»Zwischen 1835 und 1842 braute sich in Königsberg ein Skandal um zwei Geistliche zusammen. Ihr Ruf wurde ruiniert, sie verloren ihre Stelle, kamen ins Gefängnis […]. Seit ich Anfang der 1990er-Jahre zufällig in den entsprechenden Akten auf diesen kleinen Strudel der Ereignisse stieß, ist mir die Sache nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Die Gerüchte- und Denunziationskampagne gehört in eine Zeit vor den Paparazzi, vor […] den digitalen sozialen Medien, aber eben dieser Umstand verleiht ihrer Geschichte geradezu fabelhafte Kraft.«

Klingt spannend! Überraschenderweise folgt dieser kleinen Vorbemerkung zunächst eine ausführliche Darlegung, wie uninteressant das Königsberg jener Zeit (heute das russische Kaliningrad) gewesen sei. Der dort wirkende Immanuel Kant war zum Zeitpunkt des Skandals ebenso bereits Geschichte wie die Wirren der napoleonischen Kriege.

Neulich in der Provinz

Die Hauptstadt der Provinz Ostpreußen jener Jahre charakterisiert der Autor als eine Stadt von mittlerer Größe, mittlerer Bedeutung und mittlerer Attraktivität. Eine »Welt der kleinen Entfernungen, die ohne Weiteres zu Fuß zurückgelegt werden konnten und wo jeder so gut wie jeden kannte«. Das galt auch für die Prediger Johannes Ebel und Johann Georg Heinrich Diestel, die Opfer des nämlichen Skandals waren. Spätestens an dieser Stelle wäre es für historisch interessierte Laien hilfreich gewesen, mit dem Konzept der Mikrogeschichte vertraut gemacht zu werden. Sie erforscht Zeiten kleinräumig und im Detail. Es geht dabei um konkrete, aber nicht unbedingt sehr bedeutsame Personen, Orte oder Ereignisse. Weiß man, dass dieser Ansatz für das Buch wesentlich ist, versteht man die Herangehensweise des an der »University of Cambridge« (England) lehrenden Historikers Christopher Clark besser.

Bevor er sich den beiden Opfern der Ereignisse widmet, präsentiert der Autor die Gegenspieler aufseiten des Staats. Der wichtigste war Karl Sigmund Franz Freiherr vom Stein zum Altenstein, Minister für kirchliche Angelegenheiten im preußischen Kabinett, der, wie Clark anführt, bei verschiedenen Gelegenheiten Toleranz gegen religiöse Sonderlinge zeigte, als ihn Kirchenvertreter zur Härte drängten. Nicht so jedoch, als ihn Theodor von Schön, Oberpräsident der Provinz Ostpreußen, brieflich darüber informierte, dass sich unter Ebel eine bizarre Sekte gebildet habe, die zu Unzucht anhalte und abstruse esoterische Ideen vertrete, die der kirchlichen Lehre widersprächen.

Protestantismus und Innerlichkeit

Auf diese beiden Punkte wird sich später die Anklage stützen. Der erste beinhaltete nicht nur eine für damalige Zeit absolut inakzeptable sexuelle Freizügigkeit, sondern auch sexuellen Missbrauch. Der zweite betrifft gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen sowie deren intellektuelle Grundlagen. Für die meisten Philosophen der Zeit war der Verstand die Hauptquelle des Wissens. Theologen betrachteten die Evangelien inzwischen nicht mehr als das reine Wort Gottes, sondern diskutierten sie auch als Produkte ihrer Zeit. Manchem ging ob dieser rationalen Perspektive das Glauben verloren, die »innere Erfahrung«. Esoterische Erweckungsbewegungen fanden Zulauf, die genau diese zu bieten versprachen. Sie waren dem Staat ein Dorn im Auge. 1817 hatte der König die lutherische und die calvinistische Konfession zur »Evangelischen Kirche der Preußischen Union« vereint – Sekten wirkten dieser Bemühung, den preußischen Staat durchzuorganisieren, entgegen.

Zu den Begründern einer esoterischen Lehre gehörte Johann Heinrich Schönherr. Auf Grundlage biblischer Texte und eigener Eingebungen postulierte er, zwei Urwesen hätten alle Schöpfung hervorgebracht, nämlich die männliche Gottheit des Lichts und die weibliche des Wassers. Aus der mutmaßlichen Dynamik zwischen beiden leitete Schönherr auch deren Formen ab – die von Eiern.

Dass es Schönherr gelungen sei, den Rationalismus mit den Aussagen der Bibel in Einklang zu bringen, begeisterte Ebel. Während Schönherr sich aber im Licht seiner vermeintlichen Genialität sonnte, war Ebel aus vollem Herzen Seelsorger. Zu seiner Gemeinde gehörte die junge Witwe Ida von der Groeben, die an einer schweren Melancholie litt. Am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, war ihr nicht möglich. Dabei lähmte sie vor allem die Überzeugung, Gott werde ihr ihre Sünden niemals verzeihen. Die Krankheit sei ihre Strafe.

Ebel gelang es durch intensive Gespräche, sie davon zu überzeugen, in Gott einen liebevollen Vater zu sehen. Dass die junge Frau der Königsberger Oberschicht tatsächlich wieder in ein aktives Leben zurückkehren konnte, brachte Ebel Ansehen und Bewunderer, aber auch Kritik und Neider. Gemeinsam mit seinem Freund Diestel, Pfarrer in einer anderen Kirche der Stadt, war er durch seine Nähe zu Schönherr schon früh ins Visier von Kirche und Behörden geraten. Dabei nützte es Ebel nichts, dass er sich mehr und mehr von dem Theosophen distanzierte.

Verleumdungen und Vorverurteilungen

Zeitweise genoss Ebel Protektion in einflussreichen Kreisen, dann aber wurde der Vorwurf erhoben, er fordere zur Unzucht auf. Einer seiner Hauptgegner war der Arzt Ludwig Wilhelm Sachs. Dieser fühlte sich zunächst wohl von der ebelschen Gedankenwelt angezogen. Als Jude, der konvertieren wollte, um in höhere Ämter gelangen zu können, hatte Sachs mit Ebel Kontakt aufgenommen. Sachs hatte eine mystische Ader. Er betrachtete den Arzt und damit auch sich als jemanden, der durch göttliche Kraft Gesundheit spendet. Als Ursache vieler Krankheiten hatte er den Geschlechtstrieb ausgemacht. Den Ebelianern warf er nun sexuelle Praktiken vor, durch die sie die schönherrschen Urwesen verehrten.

Als es zum Prozess kam, stand die Schuld der beiden Pfarrer für die Zeitungen bereits fest. Trotz angesehener Fürsprecher und obwohl der Anwalt der beiden Verfahrensfehler anzeigte, wurden sie auch vom Gericht verurteilt. Es enthob sie ihrer kirchlichen Ämter, Ebel sollte in eine Besserungsanstalt. Das Gericht sah die Gründung einer illegalen Sekte als erwiesen an. Eine Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs gab es zwar nicht, doch wurde dieser Vorwurf im Urteil auch nicht zurückgenommen. Später hatte dann ein Berufungsverfahren Erfolg, alle Vorwürfe wurden widerlegt, die Gefängnisstrafe wurde aufgehoben. Dennoch blieben Ebel und Diestel ihrer kirchlichen Ämter verlustig.

So spannend diese Geschichte ist, erfordert ihre Lektüre doch einige Aufmerksamkeit. Clark zitiert aus Gerichtsakten und Briefwechseln, vertieft fast jeden Aspekt. In der Flut an Informationen ging mir mitunter die Orientierung verloren, fragte ich mich doch, ob dies nun eine Abhandlung zur Religionsgeschichte, zum preußischen Staat oder zur Mediengeschichte sei. Zu Beginn der Lektüre zu wissen, dass Clark in diesem Buch dem Konzept der Mikrogeschichte folgt, hätte mir geholfen.

An anderen Stellen hätte ich mir hingegen mehr Details gewünscht, etwa Erläuterungen dazu, warum Schönherrs Theosophie nach Ansicht Ebels Rationalismus und Evangelien miteinander in Einklang brachte. Die damalige Pressehetze erinnert Clark an Boulevardpresse und Shitstorms im Internet. Auch zu der Frage, ob Zeitungen damals eine vergleichbare Wirkung auf die öffentliche Meinung hatten wie heutige Medien, hätte ich mir etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht.

Alles in allem ist »Skandal in Königsberg« ein sehr lesenswertes Buch, das zur Lektüre weiterer Quellen ebenso anregt wie zum Nachdenken über die mediale Dynamik von Skandalen – damals wie heute.

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