»Sokrates«: Wer nicht fragt, bleibt dumm
»Ich wollte Sokrates nicht bloß interpretieren, ich wollte Sokrates sein«, erinnert sich Agnes Callard an ihre Studienzeit. In ihrem Buch möchte die Philosophieprofessorin der University of Chicago Sokrates von seinem Ruf befreien, alles zu hinterfragen, um am Ende eines langen Gesprächs zu der Einsicht zu gelangen, dass man doch nichts weiß. In dieser Interpretation würde Sokrates zum Vorbild heutiger Skeptiker avancieren, die wissenschaftliche Erkenntnis an sich bezweifeln. Dem hält die Autorin entgegen: »Das sokratische Motto lautet nicht: ›Alles infrage stellen‹, sondern: ›Überzeugen oder überzeugt werden.‹«
Laut Callard will Sokrates durch die Widerlegung von Argumenten sein Gegenüber nicht verunsichern, sondern ganz im Gegenteil Unwissenheit im und durch das Gespräch überwinden. Das setzt die Bereitschaft voraus, vom Gesprächspartner etwas zu lernen. Ein wilder Streit über verschiedene Positionen sei kein richtiges sokratisches Gespräch. Denn ein solcher Zusammenstoß subjektiver Perspektiven entstünde nur, wenn es den Diskutanten an Wissen zu den Sachverhalten mangele, über die man streitet. Callard besteht also darauf, dass es objektiv gesicherte Wahrheiten gibt. Nur wenn man sich an solchen Fakten orientiere, sei ein lehrreiches Gespräch möglich; Gespräche, wie Sokrates sie führte.
Im Gespräch zur Erkenntnis
Callard geht es nicht darum, dem Sokrates nachzuspüren, wie Platon ihn darstellt, und auch nicht um die Rekonstruktion der historischen Persönlichkeit. Stattdessen entwirft die Autorin – aus Platons Dialogen heraus – eine ideale Vorstellung der Figur des Sokrates und davon, wie er seine Gespräche führt und welchen Sinn sie haben, nämlich den, das Leben der Menschen durch die im Gespräch gewonnenen Erkenntnisse zu bereichern. Um Verunsicherung geht es ihm gerade nicht; denn, »wenn Sie mit sich selbst uneins sind, sind Sie schlichtweg zerrissen.«
Auf dieser Grundlage entwickelt Callard eine neosokratische Ethik, die Orientierung dazu bietet, welche Fragen man stellen und welchen Befehlen man gehorchen sollte. Sie versteht sich als Alternative zu Ethiken, die sich eher an der Gemeinschaft orientieren oder auf einen starken Vernunftbegriff stützen. So wird Sokrates zum Vorbild für ein nach philosophischen Prinzipien geführtes Leben. In dessen Zentrum stehen Gespräche mit anderen Menschen. Denn nur hier lerne man, sich zu hinterfragen und Erkenntnisse zu gewinnen – und zwar nicht zuletzt zu politischen Fragen und Eheproblemen.
Die Kraft unzeitgemäßer Fragen
Zugleich erleichtere ein solcher Blick auf das Leben den Umgang mit dem eigenen Tod; oder, wie es der Untertitel dieses Buchs formuliert: »Wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert«. Die Autorin beschreibt, wie Sokrates seine Hinrichtung hinnimmt, nachdem er zuvor das Angebot zur Flucht abgelehnt hat. Anstatt das Leben als sinnlos zu empfinden, stellt sich in Callards neosokratischer Ethik vielmehr in jeder, also auch in einer extremen Situation die Frage, was man aus seinem Leben machen kann – wodurch sich gleichzeitig die große Frage nach dem Sinn des Lebens immer wieder konkret beantworten lasse. Dazu müsse man unzeitgemäße Fragen stellen; Fragen also, von denen man zunächst denkt, man hätte sie sich längst beantwortet, zum Beispiel danach, was eine gute Mutter oder eine gute Studentin ausmache – Themen, zu denen Callard auch viele Details aus ihrem Leben beisteuert. Antworten auf solche unzeitgemäßen Fragen, ist die Autorin überzeugt, »geben uns Orientierung: Ohne ein Ziel vor Augen treiben wir planlos dahin.«
Auch Befehle, die für Sokrates meist aus dem sozialen Umfeld kommen, bestimmen menschliches Handeln. Sie verdanken sich aber auch dem Körper, der nach Callard beispielsweise den Erwerb von Reichtum oder bestimmte Genüsse befiehlt. Man befolge solche Befehle häufig wider besseres Wissen, gleichzeitig gehöre es zum Leben jedes Individuums, sich den Bedürfnissen seines Körpers in Teilen zu unterwerfen; Bedürfnisse, die uns im Übrigen mit anderen Menschen verbinden, uns zum »Gattungswesen Mensch« machen. Wer das richtige Maß im Umgang mit diesen Befehlen und Bedürfnissen finden wolle, müsse, so Callards Lesart des platonischen Sokrates, das Gespräch mit seinen Mitmenschen suchen. Denn »Sokratiker […] glauben, dass das Diskutieren darüber, wie wir leben sollten, das echte Leben ist.«
Nicht zuletzt das vermittelt Agnes Callard eindrücklich: Denken im Sinne Sokrates’ ist eine soziale Angelegenheit, keine einsame. Ihr Buch ist anspruchsvoll, aber sehr lesenswert. Und mit ein wenig Glück finden Sie ja jemanden, der es ebenfalls lesen und sich mit Ihnen darüber austauschen möchte.
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