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»Sollen sie doch Kuchen essen«: Historischen Fälschungen auf der Spur

Die Geschichte birgt viele Beispiele für Verleumdungen, Fälschungen und Verschwörungserzählungen. Der Autor geht ihnen auf den Grund. Eine Rezension
Augen auf schwarzem Hintergrund

Die Lage war dramatisch: Missernten hatten im vorrevolutionären Frankreich die Brotpreise verteuert, das Volk hungerte. Königin Marie Antoinette soll in dieser Situation den zynischen Rat gegeben haben, statt Brot doch Kuchen zu essen. Diese ihr oft zugeschriebene Aussage schädigt das Image der Königin bis heute.

Eine früher Verleumdungskampagne

Einer unkritischen Rezeption des Zitats stehen jedoch massive Bedenken gegenüber. Denn Marie Antoinette war als österreichische Prinzessin und Gemahlin Ludwigs XVI. am französischen Hof bereits seit Jahren umstritten. Zusätzlich litt ihr Ruf unter dem berüchtigten Betrugsfall im Jahr 1785/86, der als Halsbandaffäre bekannt ist, in den sie nicht einmal persönlich involviert war. Und auch die desaströsen Staatsfinanzen inklusive verschwenderischer Hofhaltung waren der Öffentlichkeit bekannt. Das berüchtigte Zitat ist jedoch älter und lässt sich auf Maria Theresia von Spanien zurückführen, die Ehefrau König Ludwigs XIV. Dass der Ausspruch in dieser für Frankreich folgenreichen Zeit Marie Antoinette zugeschrieben wird, hat nach dem Historiker Bernd Ingmar Gutberlet seine Ursachen in einer Verleumdungskampagne. Die historische Rezeption übernahm ihn entweder unkritisch oder sogar mit Absicht.

Es sind solche Ereignisse, denen Gutberlet in seinem Buch nachgeht. Damit möchte er der historischen Wahrheit, die er als »Schimäre« bezeichnet, ein Stück näher kommen. Geschichtsschreibung kann sich ihr nur annähern und spiegelt immer die Fragen, Themen, Ängste und Ressentiments der Zeit wider, in der sie entsteht. Gründe für Fehler bis hin zur Instrumentalisierung von Geschichtsklitterei gibt es dagegen viele: Nach Gutberlet reichen sie von Eitelkeiten unter Historikern über unsauberes Arbeiten bis hin zur Vorrangstellung politischer Interessen; von Sensationsgier und medialer Aufmerksamkeit bis hin zum dynamischen Eigenleben volkstümlicher Erzählungen. Das Ziel seines Buchs bewegt sich auf der Schnittstelle zwischen Unterhaltung und historisch-politischer Aufklärung. Die Leserinnen und Leser möchte er gegen Geschichtsmissbrauch sensibilisieren.

Dazu gliedert er sein Buch in drei große Kapitel, die sich in vielen Einzeldarstellungen mit Verleumdungen, Fälschungen und Verschwörungsmythen befassen. Insgesamt behandelt es einen Zeitraum von gut 2000 Jahren: vom Untergang der alexandrinischen Bibliothek, die wahlweise Cäsar, christlichen Fanatikern oder islamischen Eroberern angelastet wird, bis zu angeblichen Verschwörungen um die Terroranschläge des 11. September 2001.

Gutberlet zeigt, wie Verleumdungen Einzelpersonen, Bevölkerungsgruppen und ganze Zeitalter in ein schlechtes Licht rückten. So ist Pontius Pilatus keineswegs der schwache römische Statthalter, wie ihn die Bibel überliefert, als er Jesus zur Kreuzigung verurteilt. Vielmehr kann er angesichts der Niederschlagung von Aufständen in einer unruhigen Provinz als mit harter Hand regierender Vertreter Roms gelten, dessen gefärbte biblische Darstellung nicht dazu passt. Auch die Vorstellung eines angeblich »dunklen« Mittelalters ist heute nicht mehr aufrechtzuerhalten. Vielmehr handelt es sich bei dieser Bewertung um die Diffamierung durch Reformatoren, Humanisten und Aufklärer, die sich aus religiösen und philosophischen Gründen davon abgrenzten. Und anhand des von der sowjetischen Roten Armee im Mai 1940 an polnischen Offizieren verübten Massakers von Katyn beschreibt Gutberlet, wie sich die Diktatoren Hitler und Stalin gegenseitig die Schuld dafür zuwiesen und verleumdeten.

Fälschungen von Dokumenten, Schriftzeugnissen und Stammbäumen dienten der Bestätigung falscher Tatsachen oder der Verschleierung widerrechtlicher Aneignungen. Gutberlet widmet ihnen das zweite Kapitel des Buchs. Es beginnt mit der angeblichen Konstantinischen Schenkung des Kirchenstaats, thematisiert unter anderem ein gefaktes Pamphlet, dem zufolge sich Hessens Landgraf Friedrich II. 1776 über zu wenige gefallene hessische Söldner im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg beschwert habe, da ihm Gefallene mehr Geld einbrächten; beschreibt den Medienskandal der gefälschten Hitler-Tagebücher 1983 und die rumänische Revolution 1989, die laut Gutberlet von alten kommunistischen Seilschaften gekapert und verfälscht wurde.

Im dritten Kapitel widmet sich der Autor historischen Verschwörungserzählungen. Ihren Anhängern dienen sie unter anderem als vereinfachender Erklärungsansatz in einer komplexen Welt. Wer ihnen glaubt, kann sich gegenüber der unwissenden Umwelt aufgewertet fühlen, da man die angeblichen Machenschaften von Verschwörern durchschaut zu haben glaubt. In seinen Beispielen thematisiert Gutberlet Geheimbünde wie die Freimaurer, die antisemitische Legende einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung, den Vorwurf der Mondlandungslüge 1969 und Verschwörungsglauben um den Tod der RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe im Hochsicherheitstrakt der JVA Stuttgart-Stammheim 1977.

Alle historischen Darstellungen sind kurz gehalten und ordnen die beschriebenen Fälle in ihren jeweiligen historischen Kontext ein. Damit erreicht Gutberlet auf unterhaltsame und zugleich fundierte Weise eine historisch interessierte Leserschaft.

Allerdings erscheint seine Auswahl unausgewogen: Während das Kapitel über historische Verleumdungen immerhin 21 Einzeldarstellungen, aber keinen einführenden Text enthält, sind es im Kapitel über die Fälschungen nur zehn Darstellungen, denen zu Kapitelbeginn ein kurzer einführender Abschnitt vorangestellt wurde. Die längste Einführung enthält zwar das Kapitel über Verschwörungserzählungen, das seinen Beispielen jedoch nur sieben Unterkapitel widmet. Zeithistorische Fake News und Verschwörungserzählungen im Kontext der weltweiten Fluchtkatastrophe, der Covid-19-Pandemie oder der US-Präsidentschaftswahlen 2020 werden leider nicht thematisiert.

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