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»Spektakuläre Maschinen«: Von Ikarus zur Gottesmaschine

Neue Technologien rufen sowohl Hoffnungen als auch Ängste hervor. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das nichts Neues ist. Eine Rezension
Ein Mann steht vor seinem digitalen Avatar

Die Sage des Ikarus erzählt von dem alten Wunsch des Menschen, göttliche Kräfte zu mobilisieren, um sich in die Lüfte zu erheben. Maschinen haben seit Jahrhunderten die Menschen begeistert und fasziniert, sie haben aber auch Ängste ausgelöst. Das gilt bis heute, wie die Diskussionen über die Fortschritte und Probleme der künstlichen Intelligenz belegen. Der schweizerische Psychiater, Psychoanalytiker und Philosoph Daniel Strassberg spannt in seinem faktenreichen Buch »Spektakuläre Maschinen« einen weiten Bogen und beschreibt technische Neuerungen seit den Theatermaschinen der Antike bis zur Entwicklung leistungsfähiger Computer und künstlicher Intelligenz. Wie der Autor jedoch einleitend anmerkt, handelt »das Buch (…) in erster Linie von Affekten, nicht von Maschinen«.

Von Wunderautomaten bis künstliche Intelligenz

Zu Beginn der technischen Entwicklung waren Maschinen lebensähnliche Automaten, die durch ihre Magie die Menschen beeindruckten und verzauberten. Solche Wunderautomaten, wie der bekannte mechanische Flötenspieler oder die Ente von Jacques de Vaucanson sowie die Wunderkammern des Mittelalters mit einem Sammelsurium an verschiedensten Exponaten, dienten in erster Linie der Verwunderung des Publikums. Die Ansichten über und die Erwartungen an Maschinen haben sich fortwährend verändert. Anfangs waren sie magisch, spektakulär und unterhaltend. Später, ab dem 18. Jahrhundert, rückten ihre Nützlichkeit und ökonomische Gesichtspunkte der Industrialisierung in den Vordergrund.

Parallel zu den Fortschritten der Naturwissenschaften und der Handwerkskunst wie etwa die der Uhrmacher wurden der Nutzen und die praktische Anwendung immer wichtiger. Mechanische Uhren erlaubten eine zeitliche Strukturierung des Alltags. Außerdem entwickelten Maschinen Eigenschaften, welche die menschliche Arbeit erleichterten – aber auch ersetzen konnten, etwa mechanische Webstühle. Bei den Weltausstellungen in London im Jahr 1851 und 1889 in Paris wurden einem breiten Publikum Dampfmaschinen, Lokomotiven, Verbrennungsmotoren oder Phonographen präsentiert, die bald das Arbeits- und Alltagsleben veränderten. Die Entdeckungen der Elektrizität und der Kybernetik waren ausschlaggebend für moderne Entwicklungen von elektronischen Geräten und Computern.

All das wurde auch kritisch beobachtet und rief Ängste hervor. Der Autor schildert die Rolle der Kirche und die Einwände der Gesellschaftswissenschaften, wie die Auffassung Max Webers, der technische Fortschritt trage zur Entfremdung der Menschen bei. Der ökonomische Druck durch die maschinelle Industrialisierung war schließlich ein Kernthema der Schriften von Karl Marx. Auch die Skepsis, auf welche die künstliche Intelligenz stößt, illustriert die grundlegenden Probleme: Menschen fürchten sich nicht erst seit heute vor Maschinen. Bereits Goethes Ballade »Der Zauberlehrling« erzählt davon. Wie schon im Mittelalter erregen Maschinen unsere Aufmerksamkeit, und sie beeinflussen seit Langem unser Leben: Arbeit, Freizeitaktivitäten und auch unser Denken sind davon dominiert.

Dieses angenehm zu lesende Buch illustriert die technischen Entwicklungen und ihre Auswirkungen aus einer historischen Perspektive. Darüber hinaus ist es Strassberg wichtig zu verstehen, welche Affekte technische Neuerungen bei Menschen auslösen können. Auf der einen Seite stehen Erstaunen und Begeisterung, auf der anderen hingegen teilweise begründete Ängste. Aber es scheint, als sei die Furcht, von Maschinen beherrscht zu werden, unauflöslich mit der Faszination für die Technik verwoben. Die Leserinnen und Leser finden in diesem umfangreichen Werk viele aufschlussreiche Ideen und Fakten aus den vergangenen Jahrhunderten.

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