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Kaleidoskop der Sprache

In seinem Abschiedsbuch stellt der renommierte Linguist Jürgen Trabant zahlreiche Arbeiten zusammen, die sich zu einem stimmigen Bild fügen.

»Der Mensch«, so der preußische Gelehrte Wilhelm von Humboldt (1767–1835), »ist nur Mensch durch die Sprache«. Dieser Satz ist nicht nur das Leitmotiv von Jürgen Trabants neuem Buch; er steht auch über dem gesamten Forscherleben eines weit herumgekommenen und produktiven Romanisten und Sprachwissenschaftlers, der vor seiner Emeritierung an der Freien Universität Berlin und anschließend als Professor für »European Plurilingualism« an der Jacobs University Bremen tätig war. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Trabant, der sich immer wieder für das Deutsche als Wissenschaftssprache stark gemacht und vor einer wissenschaftlichen Monokultur auf Englisch gewarnt hat, die letzten Jahre seiner Karriere an einer »University« zubringt.

Politisches Werk

In seinem Buch »Sprachdämmerung«, das man nach dem Willen des Autors weniger als wissenschaftliches denn als politisches Werk begreifen soll, greift er auf frühere, verstreut publizierte Arbeiten zurück, die er lose thematisch gruppiert. Dass es dabei gelegentlich zu Redundanzen kommt und sich nicht jedes Kapitel auf demselben Abstraktionsniveau bewegt, liegt in der Natur der Sache und stört keineswegs. Neben grundsätzlichen Überlegungen (beispielsweise zum semiotischen Status des Worts in Humboldts Sprachdenken) liest man mit Vergnügen eine kernige Polemik gegen den »lunch« (trotzig »Lantsch« geschrieben) oder eine anrührende Schilderung, wie Trabant zu der seinem Herzen am nächsten stehenden Sprache, dem Französischen, fand.

Das eigentliche Thema des Buchs ist aber das allmähliche Verstummen: das Verstummen einzelner Sprachen, das Verstummen innerhalb von Sprachgemeinschaften – und nicht zuletzt auch Trabants eigenes Verstummen, denn das Werk ist, wie er anmerkt, seine Abschiedsvorstellung.

Gefahr droht den Sprachen, so Trabant, durch zwei grundsätzliche Missverständnisse. Das erste liegt darin, Sprache in Kommunikation aufgehen zu lassen: Wenn es nur darauf ankommt, reibungslose zwischenmenschliche Verständigung im Rahmen einer globalen Wirtschaft zu gewährleisten, dann sollte man die Mehrsprachigkeit schnellstmöglich eliminieren, etwa durch flächendeckende Einführung einer globalisierten Einheitssprache.

Dafür käme aktuell das Englische in Frage, das die Existenz des Deutschen, folgt man Trabant, schon jetzt vielleicht nicht kurz-, aber doch mittelfristig gefährdet. Eine Sprache stirbt nämlich nicht erst dann aus, wenn der letzte Sprecher (oder der vorletzte, mit dem der letzte sich noch hätte unterhalten können) das Zeitliche segnet. Der Verfall setzt bereits viel früher ein, wenn eine andere Sprache Diskursdomänen wie Wissenschaft, Rechtspflege, höhere Bildung oder Administration übernimmt. Die ursprüngliche Sprache, die nicht mehr gepflegt wird und darum mit den Entwicklungen nicht mehr mithalten kann, taucht dann nur noch in informellen Kontexten auf.

Das zweite Missverständnis liegt darin, Sprache lediglich als Medium der Wiedergabe von Sachverhalten zu begreifen – und zwar als ein höchst unvollkommenes, dem es an Präzision mangelt. Wieso Vokabeln für Farben, wo doch die Bezeichnungen berüchtigt dafür sind, in verschiedenen Sprachen unterschiedlich zu funktionieren? Es wäre viel praktischer, die Wellenlänge in einer Zahl plus Maßeinheit anzugeben, und jede Auseinandersetzung darüber, ob besagte Hose blau oder grün oder blaugrün oder grünblau oder überhaupt petrolfarben sei, hätte sich erübrigt.

Schon im platonischen Dialog »Kratylos« kommen, wie Trabant referiert, die Dialogpartner zu dem Schluss, die Sprache stehe dem reinen Denken im Weg; sie sei eher eine Fehler- als eine Erkenntnisquelle eigenen Rechts. Die zweite Gefahr, die der Sprache droht, ist nach Trabant daher die zunehmende Verwissenschaftlichung der Welt: (Natur-)Wissenschaft frage nach dem, was überall und immer der Fall ist, und benötige deswegen eindeutige Terminologien und international unmissverständliche Nomenklaturen.

Dabei sind Sprachen, um mit Humboldt zu sprechen, »das bildende Organ der Gedanken«. Trabant formuliert es so: »Die Art, wie der Mensch sich die Welt aneignet, folgt der Vorgabe der Sprachgemeinschaft.« Mit jeder Sprache sei »eine ganz besondere Art, in der Welt zu sein,« gegeben. Sprachen verkörpern eigene Ansichten und Zugriffsweisen auf die Welt, das fängt mit der Unübersetzbarkeit einzelner Vokabeln an, hört damit aber noch lange nicht auf. Trabant plädiert mit aller Emphase dafür, diesen Menschheitsschatz nicht tatenlos untergehen zu lassen. Konkret: Man möge die Muttersprache bewahren und pflegen; neben dem Englischen, das auch Trabant für unverzichtbar hält, mindestens eine weitere Sprache lernen; sowie kollektiv die Anstrengung unternehmen, möglichst viel zu übersetzen.

Vieles, was man in dem Werk liest, hat Trabant schon an anderer Stelle vielleicht sogar gründlicher behandelt. Doch gerade weil es sich nicht um eine durchlaufende Abhandlung handelt, sondern der Autor einzelne, scheinbar disparate Beobachtungen (vom am Spracherwerb beteiligten FOXP2-Gen bis zum modernen Kiezdeutsch) so zusammenstellt, dass sie sich wie in einem Kaleidoskop zu einem runden Ganzes fügen, entwickelt das durchgehend elegant formulierte Buch einen ganz eigenen Reiz.

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