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»Sprung über den Abgrund«: Was tun, wenn die Erde krank ist?

Martin Herrmann und Harald Lesch ziehen die Metapher eines medizinischen Notfalls heran, um die Dringlichkeit der Klimakrise zu verdeutlichen. Eine Rezension.
Gaskraftwerk bei Hamm

Der Mediziner Martin Herrmann stellt als Mitgründer und Vorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) gemeinsam mit dem als Fernsehmoderator bekannten Astrophysiker Harald Lesch in der Reihe »Unruhe bewahren« knapp die durch den Klimawandel ausgelösten Probleme vor. Dabei betrachten die Autoren die Klimakrise als globalen medizinischen Notfall. Denn auch unsere Gesundheit gefährdet: Wenn die Erde krank ist, kann der Mensch nicht gesund sein.

Klimawandel: Kein neues Phänomen

Dass die Industrialisierung das Klima beeinflussen kann, hat man sehr früh erkannt. Der schwedische Physiker und Chemiker Svante Arrhenius hatte bereits 1896 eine globale Erwärmung auf Grund der durch die Menschen verursachten Kohlendioxidemission vorausgesagt. Er schätzte, dass eine Verdoppelung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre von einer globalen Temperaturerhöhung von 4 bis 5 Grad Celsius gefolgt sei. Allerdings sah er den Treibhauseffekt als überwiegend positiv an.

Die Autoren illustrieren die Veränderungen anhand aktueller Zahlen: Die steigenden CO2-Emissionen verursachen seit 1960 weltweit einen kontinuierlichen Anstieg der Temperaturen, und für das Jahr 2050 wird mit einem Ausstoß von 43,1 Milliarden Tonnen gerechnet. Langfristig steigt dadurch der Meeresspiegel, und die globalen Wasserkreisläufe verändern sich stark. Das gab es in der Erdgeschichte zwar schon häufiger, allerdings dauerte es immer zwischen 100 und 1000 Jahre, während wir derzeit rapide und kurzzeitige Klimaveränderungen erleben. Ein anderes Beispiel: Die Menschen des Mittelalters verbrauchten pro Tag und Person geschätzte 24 Kilowattstunden Primärenergie. Dieser Wert beträgt heute in Deutschland 120 Kilowattstunden und in den USA sogar 219 Kilowattstunden.

Das Buch enthält elf Gespräche, wobei die ersten sechs von kleinen Abschnitten »Hintergrundwissen« gefolgt sind, die auf wenigen Seiten die wissenschaftlichen Fakten zusammenfassen. Die Metapher des Klimawandels als medizinischer Notfall ist der rote Faden, der sich als Kernaussage durch die Kapitel zieht. Notfall bedeutet, dass sofortiges Handeln erforderlich ist, um die Folgen der globalen Klimakrise zu verhindern oder zumindest abzuschwächen. Dafür muss man das Bewusstsein der Menschen wecken, und die Autoren sehen unter anderem den Gesundheitssektor als »Booster für die Kommunikation des Themas Klimawechsel«. Das Vertrauen vieler Menschen in Ärzte könne zu einer öffentlichen Diskussion beitragen. Angesichts des Alltags in Arztpraxen und Krankenhäusern mit chronischem Zeitmangel und massivem ökonomischem Druck fragt man sich jedoch, ob das eine realistische Sicht ist.

Aber es gibt zahlreiche Aktivitäten verschiedener Organisationen wie KLUG, KLIK (Green Klimamanagement für Krankenhäuser), Fridays for Future oder des IPCC (Weltklimarat), die als Sprachrohre und Multiplikatoren dienen können. Das zentrale Anliegen der Autoren ist, klarzumachen, dass die Klimakrise jeden zum Handeln zwingt. Voraussetzung sei, dass möglichst viele Menschen die Dringlichkeit verstehen und zum raschen Handeln bereit sind. Das einzige Heilmittel bestehe in einer umfassenden Transformation unserer Wirtschafts- und Lebensweise. Lesch und Herrmann zitieren die Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth, die festgestellt hat, dass bereits 3,5 Prozent einer Bevölkerung ausreichen, um größere Veränderungen auszulösen. Wie die Autoren schlussfolgern, können einzelne Personen auch unabhängig von großen Organisationen und politischen Entscheidungen aktiv werden. Deshalb ist dieses lesenswerte Büchlein jedem empfohlen, der sich mit der aktuellen Klimakrise und ihren Folgen ernsthaft auseinandersetzen möchte.

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