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Die wiedergefundene Stadt

Wer nach Schleswig reist, findet dort, am Ufer der Schlei und nahe der Grenze zu Dänemark, ein eher beschauliches Treiben vor. Vom 8. bis 11. Jahrhundert muss sich Reisenden jedoch ein anderes Bild geboten haben. Damals gab es hier einen äußerst wichtigen Handelsort, in dem zahlreiche Menschen lebten und reger Verkehr herrschte. Diese Wikingersiedlung, genannt Haithabu, nahm eine Schlüsselstellung zwischen Nord- und Ostsee, Skandinavien, Westeuropa und dem Baltikum ein. Doch nachdem sie im 11. Jahrhundert untergegangen war, geriet sie weitgehend in Vergessenheit.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden Spuren der Siedlung wiederentdeckt. Seither erkunden Historiker und Archäologen die Geheimnisse der frühmittelalterlichen Stadt. Wie wohnten die Wikinger? Wie kleideten und wovon ernährten sie sich? An was glaubten sie und welchen Tätigkeiten gingen sie nach? Über diese und viele andere Fragen forscht Kurt Schietzel, ehemals Leiter der Abteilung für Wikingerforschung und mittelalterliche Siedlungsarchäologie am schleswig-holsteinischen Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte, seit nunmehr 50 Jahren. Das Ergebnis seiner Ausgrabungen präsentiert er in dem imposanten und reich bebilderten Werk "Spurensuche Haithabu".

Rekonstruktion der Vergangenheit

Anhand zahlreicher Funde – Pfähle, Kleider, Knochen, Werkzeuge und Münzen – rekonstruiert Schietzel das Leben von Haithabus Bewohnern. Dabei vermittelt er seinen Lesern einen tiefen Einblick in die archäologische Arbeitsweise. Der Autor zeigt etwa, wie sich anhand von Materialresten die Bauweise der Wikinger nachvollziehen lässt. Er stellt dar, welche Werkzeuge sie benutzten und was das über ihre handwerklichen Fähigkeiten aussagt. Zudem analysiert er, was Anhänger und Fibeln über die religiösen Bräuche der Nordmenschen verraten, und erörtert, wie Forscher aus Knochen und Schädelfunden deren Aussehen rekonstruieren. Etliche Zeichnungen, Fotos und historische Karten veranschaulichen das Geschriebene.

Zur guten Verständlichkeit trägt auch die wohldurchdachte Gliederung bei. Schietzel ordnet das Thema geographisch und historisch ein und erklärt die Methodik der Ausgrabungsarbeiten. Ihm gelingt es, die dargebotenen Informationen in enormer Dichte zu vermitteln, ohne den Leser dabei zu überfrachten. Wer jedoch eine erste Einführung oder einen groben Überblick sucht, sollte nicht unbedingt nach diesem opulenten Werk greifen. Denn es widmet sich vor allem dem anstrengenden Arbeitsalltag der Archäologen, dem oft mühevollen Zusammenfügen von Detailinformationen und Befunden. Dabei richtet der Autor seinen kritischen Blick auch auf seine eigenen Forschungsergebnisse, was eine große Stärke des Buchs ist. So resümiert er, dass wir mittlerweile zwar viel über Haithabu und seine Bewohner wissen, etliches aber trotz aller Bemühungen im Dunkel bleiben wird. "Spurensuche Haithabu" nimmt den Leser mit auf eine zwar schwierige, aber spannende Reise zum Leben und Wirken der Wikinger in Schleswig.

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