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Die Vorteile der Stillen

Erfolgsautorin Susan Cain gibt zurückhaltenden Heranwachsenden fundierte Tipps mit auf den Weg.

»Melde dich öfter mal.« »Du bist immer so still.« »Sag doch auch mal was.« Solche Sätze können introvertierte Menschen nicht mehr hören. Immer wieder bekommen sie damit suggeriert, sie seien nicht normal. Das kann am Selbstbewusstsein nagen, besonders dem von Heranwachsenden. Genau an diese richtet sich das neue Werk von Susan Cain, die als Trainerin für Verhandlungsführung arbeitet. In dem Nachfolger ihres Bestsellers »Still« vermittelt sie eindrücklich, wie unterschiedlich introvertierte und extrovertierte Menschen ticken. So sind Introvertierte nach langem sozialem Miteinander oft erschöpft, Extrovertierte hingegen schöpfen daraus Kraft. Aber vor allem macht das Buch introvertierten Kindern und Jugendlichen klar: Ihr seid weder allein noch schwach!

Ganz im Gegenteil, Introvertierte haben ihre eigenen »Superkräfte«, wie Cain schreibt. Sie können gut zuhören, sich intensiv in etwas vertiefen und scheuen sich nicht davor, auch mal Zeit allein zu verbringen. Das alles birgt Vorteile. Um beispielsweise ein Instrument gut zu beherrschen, ist es nötig, immer und immer wieder zu üben – stundenlang und meist allein. Dafür sind Introvertierte, zu denen sich Cain selbst zählt, wie geschaffen.

Die Autorin zeigt, dass auch Introvertierte erfolgreich sein können, und das nicht trotz, sondern wegen ihrer Persönlichkeitseigenschaft. Unzählige namhafte Künstler und Erfinder legen Zeugnis davon ab, etwa Personen wie Steve Wozniak. Er tüftelte zahllose Tage und Nächte allein vor sich hin, bis er den ersten Apple-Computer entwickelt hatte. Das Unternehmen Apple wurde zwar durch den extrovertierten Steve Jobs weltberühmt, doch ohne Wozniak, den stillen Entwickler, hätte es den Konzern nie gegeben.

Die Macht der Einsamkeit

In einem doppelseitigen »Manifest für Introvertierte« präsentiert Cain Mut machende Maximen wie »Die meisten großartigen Ideen entstehen in der Einsamkeit« oder »Du bist dehnbar wie ein Gummiband. Du kannst alles machen, was Extrovertierte machen, sogar ins Scheinwerferlicht treten. Für Stille ist später immer noch Zeit.«

Die nach Lebensbereichen und Situationen – wie Unterricht, Kantine oder Partys – gegliederten Kapitel sind immer gleich aufgebaut. Zunächst erläutert die Autorin am Beispiel verschiedener Menschen, wie diese mit den entsprechenden Situationen umgehen. Dazu gehören mehr oder weniger prominente Personen, die Autorin selbst sowie diverse introvertierte Kinder und Jugendliche, die eigens für dieses Buch interviewt wurden. Die Beispiele sollen Heranwachsenden Mut machen und ihnen zeigen, dass auch sie ihre Ziele erreichen und etwas bewegen können. Am Ende jedes Kapitels gibt die Autorin wertvolle Verhaltenstipps. Es ergebe keinen Sinn, sich zu verbiegen, um dem extrovertierten Ideal zu entsprechen, meint Cain.

Zwei kurze Kapitel am Ende richten sich explizit an Lehrer und Eltern. Sie enthalten Hinweise zum Umgang mit introvertierten Kindern und Jugendlichen. So betont die Autorin, die mangelnde Unterrichtsbeteiligung eines Schulkindes bedeute nicht unbedingt, dass es nicht aufpasse. Auch sei es wichtig, Introvertierten erholsame Nischen zu bieten. Damit meint Cain einen ruhigen Ort, etwa eine Ecke in der Bücherei oder eine Bank im Grünen, an den sich die Kinder zurückziehen und wo sie Kraft tanken können. Cain berichtet von einer Frau, deren introvertierte Tochter nach der Schule stets gereizt war. Nach einiger Zeit verstand die Mutter, dass ihr Kind nach dem anstrengenden Schultag erst einmal Zeit für sich brauchte. Nach einer Stunde allein auf seinem Zimmer waren die Akkus wieder frisch aufgeladen.

Cains Werk ist wie sein Vorgänger ein gelungenes Plädoyer für stille Menschen und macht deutlich, welche Kräfte in ihnen schlummern. Kontaktfreudigen Heranwachsenden kann es helfen, ihre zurückhaltenderen Freunde und Klassenkameraden besser zu verstehen. Introvertierten zeigt es, dass ihre Persönlichkeitseigenschaft kein Makel ist, den es zu verbergen gilt. Vielmehr ist Introversion eine Gabe, die sich nutzen lässt – und das Buch zeigt, wie.

2/2018 (Juni/Juli)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 2/2018 (Juni/Juli)

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