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Netflix als Gefahr für die Demokratie?

Der Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner beschreibt die gesellschaftliche Entmündigung durch Streaming-Dienste.

In der Corona-Pandemie erleben Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime Video und Disney Plus einen Boom. Statt vor der Kinoleinwand sitzt man lieber auf der eigenen Couch vor dem Fernseher. Das ist billiger, bequemer und hygienischer. Doch das Heimkino hat einen Preis: Nutzer werden pausenlos überwacht. Algorithmen entschlüsseln die Sehgewohnheiten, sie wissen, wann man eine Toilettenpause einlegt, wann man auf den Pausenknopf drückt oder ob man sich Sexszenen mehrmals anschaut.

Überwachungskapitalistisches Geschäftsmodell

Der Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner sieht in diesem überwachungskapitalistischen Geschäftsmodell eine Gefahr für die Demokratie. In seinem Buch »Streamland« beschreibt er, wie Netflix und Co durch algorithmische Entscheidungssysteme die Massenkultur monopolisieren und Menschen manipulieren. Ausgehend von den Beobachtungen der Philosophen Horkheimer und Adorno an der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie in den 1930er und 1940er Jahren, entwickelt der Autor die These, Streamingdienste seien zu »Wirklichkeitsbrillen« geworden, welche die Welt filtern und neu aufbereiten: »Je tiefer wir dabei in diese Streaming-Welt abtauchen, desto mehr beeinflusst uns das, was wir dort sehen, beim Beurteilen der realen Welt um uns herum. Wir reagieren daher positiv auf die Manipulation von Netflix.« Damit gehe einher, dass wir das Entscheiden verlernten: »Wir lassen für uns entscheiden, sind selbstentmündigt.«

Kleiner, der an der SRH Hochschule Berlin Medien- und Kommunikationswissenschaft lehrt, geht zunächst auf den Bildungsaspekt ein. Er erklärt, es habe von der Schriftkritik Platons bis hin zur Kulturkritik des US-amerikanischen Medienwissenschaftlers Neil Postman (»Wir amüsieren uns zu Tode«) schon immer Skepsis gegenüber neuen Technologien gegeben. Im zweiten Kapitel skizziert der Autor die jüngste Geschichte des Fernsehens, das zum einen als »Fenster zur Privatsphäre«, zum anderen als »Fenster zur Welt« fungierte. Die Zeiten, in denen sich das Publikum am Lagerfeuer von »Wetten, dass..?« oder der »ZDF Hitparade« wärmte, sind längst vorbei. Mit diesen Formaten verschwanden auch Moderatoren wie Dieter Thomas Heck und Thomas Gottschalk von der Bildfläche. Anstelle von Persönlichkeiten identifizieren sich die jüngeren Nutzer mit Plattformen und ihren Angeboten, so Kleiner.

Dass Streaming-Dienste dem linearen Fernsehen den Rang abgelaufen haben, hat nicht nur mit einem veränderten Mediennutzungsverhalten zu tun, sondern mit einem gesellschaftlichen Wandel, den der Autor treffend analysiert: »Früher sah man seine Lieblingsfernsehsender, hatte einen Lieblingsplattenladen oder eine Lieblingskneipe. Das verortet und verfestigt auch immer sehr stark. Die heutige Generation will hingegen ultraleicht leben: Man will keinen Besitz anhäufen, nicht viel Physisches besitzen – Möbel etwa oder einen Fernsehapparat. Wichtiger ist, jederzeit in der Lage zu sein, den Ort zu wechseln.« Diese Flexibilisierung des Konsums in einer postmaterialistischen Gesellschaft geht mit einem Bedeutungsverlust von Institutionen einher. »Wir gehen durchschnittlich deutlich weniger ins Kino, weil das Kino durch die Streaming-Anbieter immer dort ist, wo man sich gerade befindet. Zumindest das Kino im Taschen-, Tablet-, Notebook- oder Wohnzimmerformat.«

Streaming-Giganten wie Netflix oder Amazon Prime Video betreiben Echtzeit-Marktforschung und kündigen jedes Jahr hunderte neue Serien und Filme an. Das heißt: mehr konfektionierte Kultur, mehr Konsum, mehr Binge-Watching. Auswählen? Braucht man nicht. Der Algorithmus weiß, was dem Nutzer gefällt – und schlägt nach der beendeten Serie gleich die nächste vor. Dies, so Kleiner, habe Implikationen für das politische System. »Es gibt sie nicht mehr, die Notwendigkeit einer nicht betreuten Selbstbestimmung (…) Das Selbst wird zum Produkt von Algorithmen und der Algorithmus zum Subjekt.«

Die Konsumkritik an einer algorithmengetriebenen Fernsehmaschinerie, die immer mehr Daten von Nutzern sammelt, ist richtig und wichtig. Doch der Autor bleibt den Beweis schuldig, warum Netflix und Co eine Bedrohung für die Demokratie darstellen, wie der Untertitel des Buchs vollmundig ankündigt. Ist eine Netflix-Serie wie »Narcos« oder »The Great Hack« wirklich eine Gefahr für die Demokratie – oder schaffen sie nicht viel mehr ein Problembewusstsein für politische Konflikte? So begründenswert die dahinterliegende Intuition sein mag – der Sprung zur These geht an den entscheidenden Stellen zu weit, etwa wenn Kleiner schreibt: »Die Digitalunternehmen tragen mit ihrem auf Unterhaltung, plakative Inhalte oder Blockbuster reduzierten Programm dazu bei, dass wir als Bürger*innen entmündigt und die Demokratie geschwächt beziehungsweise bedroht wird.«

Leider unterlaufen dem Autor auch inhaltliche Fehler, etwa wenn er die Netflix-Serie »Marseille« als Beispiel für eine gelungene Regionalstrategie anführt. Die Politserie mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle, die als französisches »House of Cards« angekündigt wurde, war in Frankreich ein Flop. Nach zwei Staffeln hat Netflix die Serie eingestellt. Dass sich das amerikanisierte Storytelling nicht überall exportieren lässt, zeigt, dass es – zumindest in Frankreich mit seiner stolzen Kinotradition – ein Publikum gibt, das sich der Sogwirkung algorithmischer Entscheidungsmaschinen entzieht.

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