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Keine Kaffeesatzleserei

Warum blamierten sich die US-Geheimdienste zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit ihrer Einschätzung, der Irak unter Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen? Laut CIA-Direktor George Tenet schien es sich bei dieser vermeintlichen Erkenntnis sogar um einen "Volltreffer" zu handeln. Sie bestärkte die amerikanische Regierung unter Präsident George W. Bush, Anfang 2003 in den Irak einzumarschieren. Es folgten politische Lügen, der dritte Golfkrieg, der Sturz eines grausamen Diktators und das Abgleiten der gesamten Region in blutiges Chaos, das bis heute anhält. Doch Massenvernichtungswaffen fand man keine.

Philip Tetlock, Professor für Psychologie und Politikwissenschaft an der Universität von Pennsylvania, sowie Dan Gardner, Journalist und seit 2016 Berater des kanadischen Premierministers Justin Trudeau, suchen dieses Totalversagen der Geheimdienste in ihrem Buch zu deuten. Ihrer Meinung nach gründeten die Analysten ihr Urteil nicht auf handfeste Belege dafür, dass Saddam Hussein tatsächlich etwas versteckte. Sondern sie interpretierten dessen undurchsichtiges Verhalten gegenüber internationalen Atomwaffenkontrolleuren so, als verberge er etwas. Das Ergebnis war eine Wahrscheinlichkeitsaussage, deren Treffsicherheit deutlich unter 100 Prozent gelegen haben dürfte. Deshalb wäre nach Meinung der Autoren eine vorsichtigere Einschätzung seitens der Geheimdienste angemessener gewesen. Ob dies den amerikanischen Einmarsch verhindert hätte, ist angesichts massiver wirtschaftlicher und geostrategischer Interessen in der Region zwar fraglich. Doch die Bewertungsgrundlage wäre eine andere gewesen.

Wahrscheinliche Zukünfte

Dieses Beispiel dient Tetlock und Gardner dafür, die Bedeutung von Prognosen in der heutigen Welt klarzumachen. Ebenso zeigt es, welche Schwierigkeiten und Fehler ein guter Prognostiker bewältigen muss. Abschätzungen wahrscheinlicher künftiger Entwicklungen spielen in der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder beim Militär eine enorme Rolle. Dabei zeigen die Autoren, dass belastbare Aussagen zu voraussichtlichen Zins- und Währungsentwicklungen, potenziellen politischen und militärischen Konflikten und dergleichen mehr keine Blicke in den Kaffeesatz sind – trotz aller Unwägbarkeiten. Auch die tägliche Wettervorhersage ist eine Prognose, die auf Wahrscheinlichkeiten gründet. Lange wurde sie belächelt, hat inzwischen aber eine hohe Treffgenauigkeit erreicht.

Tetlock leitete das Good Judgment Project, das an der Verbesserung von Prognosen arbeitete. Es wurde betrieben von der US-Forschungseinrichtung IARPA (Intelligence Advanced Research Projects Activity), die dem Direktor der Nationalen Nachrichtendienste untersteht. Die Teilnehmer rekrutierten sich aus Freiwilligen. Wie Tetlock berichtet, beherrschten manche seiner Teilnehmer treffsichere Analysen im Durchschnitt besser als andere, selbst ohne spezielle Vorbildung. Diese "Superprognostiker" übertrafen zeitweilig sogar professionelle Analysten der Geheimdienste. Doch viele rutschten nach einer gewissen Zeit wieder auf das Durchschnittsniveau ab. Die anderen "Superprognostiker" wurden zwecks Förderung in speziellen Gruppen zusammengefasst.

Als der Westen schlief

Eine generelle Vorhersagbarkeit politischer Entwicklungen bezweifeln die Autoren allerdings. Der "arabische Frühling" ab Dezember 2010 beispielsweise kam für viele westliche Beobachter überraschend, obwohl die innenpolitischen und wirtschaftlichen Spannungen in der Region längst hinlänglich bekannt waren. Ausgelöst wurde er in Tunesien, als sich ein von den Behörden schikanierter Straßenhändler selbst verbrannte – ein dramatischer Fall, vom dem die Weltöffentlichkeit aber kaum Notiz nahm. Der Selbstmord des Händlers war offenbar der Katalysator, der die schwelende Kritik an den innenpolitischen Missständen des Landes zur Explosion brachte und auf andere Staaten übergreifen ließ.

Zu den Faustregeln für gute Prognosen, die dem Buch angehängt sind, gehört vor allem, dass man geeignete Fragen stellen muss. Vermeintlich unlösbare, komplexe Schwierigkeiten müssen auf kleinere Probleme heruntergebrochen werden. Außerdem, so betonen Tetlock und Gardner, ist die Bereitschaft zur Selbstkritik wichtig sowie die ständige Überprüfung einmal abgegebener Einschätzungen. Vernachlässige man dies, nähere man sich den Prognosen der "Experten" in den Medien an: Diese besitzen einen hohen Stellenwert als Meinungsmacher, aber inwieweit ihre Einschätzungen tatsächlich zutreffen, wird sowohl von öffentlicher als auch von journalistischer Seite kaum hinterfragt.

Das Buch ist lesenswert, belegt die Relevanz guter Prognosen und beschreibt die Vorgehensweise guter Prognostiker. Es eignet sich für Leser, die einen verständlichen Einstieg in diese komplexe Materie suchen. Allerdings drängt sich die Frage auf, inwiefern es auch Marketinginteressen dient: Die Leser werden am Ende eingeladen, sich näher über das Good Judgment Project zu informieren und eventuell sogar mitzumachen. Die hierfür angegebene Internetadresse führt auf die Homepage des gleichnamigen Unternehmens, das der kommerzielle Nachfolger des Projekts ist.

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