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Aus dem Leben eines Arztes

Ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt blickt auf seine Karriere zurück und schildert bewegende Patientenschicksale.

Das Berufsleben des Hals-Nasen-Ohren-Arztes Rainer Jund ist voller Kontraste: Freude und Trauer, Komplexität und Banalität, erfolgreiche Rettung und Versagen liegen dicht beieinander. In seinem Buch stellt er all das anhand von Patientengeschichten dar. Jund berichtet von dramatischen Operationen, bei denen er es in letzter Sekunde schaffte, eine lebensbedrohliche Blutung zu stoppen – aber auch von endlos wirkenden Tagen im Ambulatorium, an denen er ungeduldigen Patienten die Ohren reinigte oder ihnen in die Nase schaute. Die episodischen Berichte reihen sich lose aneinander, beginnend mit Junds erstem Präparationskurs im Medizinstudium über Ausbildungsstationen in der Neurochirurgie und Onkologie bis hin zu seiner Zeit als Oberarzt an der HNO-Universitätsklinik München Großhadern.

Die meisten geschilderten Begebenheiten liegen mehrere Jahrzehnte zurück – 2004 hat Jund die Universitätsklinik verlassen und eine eigene Praxis übernommen. Doch seine Erzählungen sind so lebendig und detailliert, dass man beinahe das Gefühl hat, unmittelbar dabei zu sein. Jund nimmt sich viele literarische Freiheiten und malt nicht nur seine eigenen Gefühle, Gedanken und Sinneswahrnehmungen aus, sondern schildert auch, was einem sterbenden Patienten kurz vor dem Tod durch den Kopf geht. Immer wieder streut er dabei existenzielle Überlegungen ein: Was ist uns wichtig im Leben? Nach welcher Art von Anerkennung streben wir? Welche Ziele verfolgen wir? Was erfüllt unser Leben mit Sinn?

Keine Fälle, sondern Schicksale

Jund beschreibt keine Fälle, sondern Schicksale. Seine Patienten sind für ihn nicht bloß Diagnosen, sondern Menschen mit Sorgen und Hoffnungen, Stärken und Schwächen. Er macht keinen Hehl daraus, welche ihm sympathisch waren und welche nicht. Doch auch jenen, die er als unverschämt, arrogant oder ideologisch verblendet charakterisiert, nähert er sich mit demütiger Zurückhaltung und unterlässt es, sie zu verurteilen.

Viele der Geschichten im Buch enden tragisch. Manche lassen die Leser ebenso ratlos zurück, wie sich der Autor gefühlt haben mag, als er beispielsweise trotz aller Bemühungen einen Patienten nicht retten konnte. Hier zeigt sich, wie zerbrechlich das Leben ist. Ein einziges geplatztes Blutgefäß kann von jetzt auf gleich alles beenden, was bis dahin schön oder wichtig war. Krebszellen können einen anscheinend gesunden Körper zerfressen und erst bemerkt werden, wenn es schon zu spät ist. Doch gerade der Gedanke an die Vergänglichkeit regt dazu an, darüber zu reflektieren, was im eigenen Leben wirklich bedeutsam ist. Das Buch gibt einen Anstoß dazu.

Jedes der tragischen oder auch glücklichen Patientenschicksale böte den Stoff für einen eigenen Roman. Doch in Junds Buch stehen sie unmittelbar neben Beschreibungen von Krankenhausbanalitäten, Bürotagen und Aktenbergen. Genau das vermittelt einen tiefen Eindruck vom Alltag eines Arztes, der von solchen Kontrasten geprägt ist. Auf einige Patienten wirft Jund nur ein flüchtiges Schlaglicht, etwa eine Begegnung im Ambulatorium, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Auch das spiegelt einen Aspekt der heutigen Medizin: Krankenhausärzte sehen viele Patienten nur kurz, können kaum deren Krankengeschichte und schon gar nicht deren Leben erfassen. Und doch bekommen sie eine Ahnung, dass sich auch hier romanfüllende Geschichten verbergen.

Nach vielen Erzählungen voller Tod, Trauer, Verzweiflung und Sinnlosigkeit schließt Jund das Buch mit einer ganz persönlichen Geschichte: der Geburt seines Sohnes. Gerade in diesem Kontext wirkt das Wunder des Lebens umso größer. Die zuvor aufgeworfene Frage nach dem Sinn des Daseins beantwortet auch dieses Kapitel nicht – danach muss jede(r) Leser(in) für sich suchen. Doch zurück bleibt neben Melancholie und Nachdenklichkeit die Gewissheit, dass es Hoffnung gibt und jedes Leben gerade in seiner Verletzlichkeit unendlich wertvoll ist.

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