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Ungewöhnliche Detektivarbeit

Was sagen Fliegeneier an Leichen über deren Zersetzungsprozess aus? Wie gelingt es, aus jahrtausendealten menschlichen Relikten auf die Lebensgewohnheiten ihrer Besitzer zu schließen, mitunter ihr gesamtes Erbgut zu entschlüsseln? Was verraten uns Pollenreste im Darmtrakt der Gletschermumie Ötzi? Welche gesundheitlichen Beschwerden hatte Pharao Tutanchamun? Und was hat es mit den Insekten im Grab der Ottonen-Kaiserin Editha auf sich?

Antworten auf diese Fragen gibt dieser spannende Sammelband, in dem namhafte Wissenschaftler eindrucksvoll zeigen, mit welchen Hightech-Methoden die Forensik zu Werke geht, um die Rätsel der Vergangenheit zu entschlüsseln. Ob Entomologie, Palynologie, Taphonomie, Traumatomechanik oder Molekularpathologie – das Buch entfaltet ein breites Spektrum ausgefeilter Analysetechniken. Dabei nehmen die Autoren ihre Leser mit zu historischen Fundplätzen und schauen gemeinsam mit ihnen diversen Forschern in Labors über die Schultern. Alle Beiträge sind nach dem gleichen Schema aufgebaut: Nach einer kurzen Methodenvorstellung beschreiben die Autoren die jeweilige Disziplin, indem sie ein aussagekräftiges Fallbeispiel aus der aktuellen archäologischen Forschung erörtern.

Die Pollen verraten es

Der Palynologie, der Lehre vom ausgestreuten Blütenstaub, verdanken wir die Erkenntnis, dass der Gletschermann Ötzi vor mehr als 5000 Jahren die Alpen an einem Frühlingstag von Süden nach Norden durchwanderte. Mittels Pollenanalyse wiesen Forscher in seinem Darm die südalpine Hopfenbuche nach, die nur zu dieser Jahreszeit in dieser Region vorkommt. Die Taphonomie wiederum befasst sich damit, wie nach dem Tod eines Lebewesens dessen Überreste eingebettet und gelagert werden. Mit ihrer Hilfe können Wissenschaftler beispielsweise herausfinden, ob Veränderungen an Urmenschenschädeln auf menschliche Einwirkung oder natürliche Prozesse zurückzuführen sind.

Wertvolle Hinweise liefert auch die forensische Entomologie, die anhand des Insektenbefalls der Leiche auf Todesursache und Umstände nach dem Tod schließt. Sie lieferte Hinweise darauf, dass die im Jahr 946 verstorbene ottonische Kaiserin Editha mehrfach umgebettet wurde. Denn ihr Sarkophag enthielt Käfer verschiedener Arten, die jeweils beim Öffnen hineingelangt waren. Daraus konnten Entomologen rekonstruieren, wann und wie oft die sterblichen Überreste der Monarchin verlegt worden waren.

Wichtige Informationen zu Alter, Geschlecht und Lebensumständen von Verstorbenen gewinnen Paläoradiologen, die bioarchäologisches Material mit modernen bildgebenden Verfahren untersuchen. Ihnen gelang der Nachweis, dass Tutanchamun an einer akuten entzündlichen Knochenerkrankung litt. Traumatomechaniker wiederum beschäftigen sich mit pathologischen Veränderungen am Skelett – und rollten mit Hilfe von CT und MRT einen Kriminalfall im alten Ägypten neu auf. Beim radiologischen Blick in eine Mumie hinein entdeckten sie am Hinterkopf der Verstorbenen eine kreisrunde Schädelfraktur und knöcherne Abplatzungen an den Frakturrändern, die auf massive Gewalteinwirkung mit einem spitzen Gegenstand schließen lassen.

Molekularpathologen schließlich haben anhand von Knochenproben aus Mumien altägyptischer Königsfamilien einen genetischen Fingerabdruck der Individuen angefertigt. Mit statistischen Verfahren rekonstruierten sie daraus einen genetischen Stammbaum von Tutanchamuns Sippe und identifizierten die Mumien seiner Eltern.

Das spannend geschriebene Buch demonstriert eindrucksvoll, was Archäologie zusammen mit Forensik zu leisten vermag.

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