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Wider den Biologismus

Medizinsoziologin Rebecca Jordan-Young und Bioethikerin Katrina Karkazis analysieren verschiedene Studien, die dem Männlichkeitshormon seinen teilweise falschen Ruf bescheren.

Der Titel des Buchs »Testosteron – Warum ein Hormon nicht als Ausrede taugt« lässt vermuten, es zerstreue bloß die gängigen Vorurteile gegenüber dem »Männlichkeitshormon« als Grund für Aggression und riskantes Verhalten. Doch Medizin­soziologin Rebecca Jordan-Young und Bioethikerin Katrina Karkazis spannen den Bogen viel weiter: In ihrem Werk analysieren sie verschiedene Studien, deren Forschungshypothesen von oben genannten Annahmen geprägt sind.

Falscher Fokus

Die Autorinnen erarbeiten sowohl unsere Vorstellung von Testosteron als auch die biologischen Fakten dahinter. Wie sie erklären, sagt das mehr über unsere Sichtweise aus als über das Steroidhormon selbst. Der in vielen Studien festgestellte Placeboeffekt in Form von gesteigerter Lust bei der vermeintlichen Einnahme von Testosteron ist nur eines von zahlreichen Beispielen dafür, wie stark das Bild des Männlichkeitshormons verankert ist. Tatsächlich hat man sich in den meisten wissenschaftlichen Arbeiten daher auf die Wirkungsweise bei Männern fokussiert.

In sechs umfangreichen Kapiteln, die sich mit unterschiedlichsten Bereichen befassen (von Eisprung über Gewalt bis Sport), entlarven die Autorinnen populäre Annahmen über Testosteron, die häufig als Grundlage weiterer Forschung missbraucht werden. Im ersten Kapitel machen Jordan-Young und Karkazis dem Geschlechterdualismus mit den Pendants Östrogen und Testosteron gleich zu Beginn den Garaus: In allen Menschen wirken beide Hormone. Zur weiblichen Empfängnis ist zum Beispiel ein erhöhter Testosteronspiegel nötig. Auch die viel beschworene Leistungssteigerung im Sport durch Testosteron­präparate trifft nur unter speziellen Voraussetzungen zu. Abstrus wirkt vor diesem Hintergrund die im Profisport mittlerweile gängige Methode, das Geschlecht anhand des Hormonspiegels zu bestimmen und damit Transmenschen aus Wettkämpfen auszuschließen.

Stilistisch ist das Werk eine angenehme Mischung aus den für US-amerikanische Literatur typischen beispielhaften Geschichten und Erfahrungsberichten, eingebettet in einen wissenschaftlichen Kontext. Zudem analysieren die Autorinnen immer wieder Studien, die methodisch unsauber bis unzulässig sind oder deren Ergebnisse nicht replizierbar waren – und die unser Bild von Testosteron und seiner Wirkungsweise dennoch maßgeblich geprägt haben.

Forschungsarbeiten zu Kriminalität und Testosteron führten Wissenschaftler in den USA häufig an Häft­lingen durch, die dort zu einem großen Teil dunkelhäutig sind, während riskantes Verhalten auf dem Ak­tienmarkt an weißen Studenten untersucht wurde. Ergo: Schwarze sind wegen ihres Testosteronspiegels gewalttätig, Börsenhändler risikobereit und mutig – ein Hormon, das soziale Unterschiede biologisch zementiert, so die gerne gezogenen Fehlschlüsse. Jordan-Young und Karkazis erklären, warum diese Thesen nicht haltbar sind, zumal Kontrollgruppen fehlen und Hypothesen wie Variablen im Nachhinein angepasst wurden.

Die Autorinnen lockern die Datenanalyse immer wieder mit Episoden aus TED-Talks, Begriffen wie Zombie-Fakten (welche trotz gegenteiliger Ergebnisse nicht totzukriegen sind) oder dem Mulder-Effekt auf (Rückgriff auf den FBI-Ermittler Fox Mulder aus der Serie »Akte X«, der an paranormale Phänomene glaubt). Das macht die vorgestellten Thesen einprägsam und nimmt ihnen die Schwere.

Wer allerdings auf eine einfache Erklärung hofft, was Testosteron bewirkt (und was nicht), wird enttäuscht. Hormon und Verhalten beeinflussen sich wechselseitig: Einige rechtfertigen damit Sexismus, Gewalt und Risikobereitschaft, eine wissenschaftliche Grundlage dafür gibt es jedoch nicht. Die Zusammenhänge zeigen lediglich, dass wir unsere Vorurteile allzu leicht mit vermeintlich biologischen Fakten erklären statt unser Schubladendenken (etwa bezüglich Rasse und Gender) zu hinterfragen.

Ihr selbst erklärtes Ziel, altes, überliefertes, aber nicht hinterfragtes Wissen zu dekonstruieren, das ohne probate Methoden entstand, erreichen die Verfasserinnen mühelos. Das Buch ist eine zentrale Analyse, nicht nur in Bezug auf die Genderdebatte, sondern auch als Kritik an populärwissenschaftlicher, methodisch unsauberer Forschung, die sich medial schnell verbreitet.

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