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»The brain at rest«: Pausen fürs Gehirn

Maßloses Arbeiten und sozialer Stress schaden unserem Gehirn, so Joseph Jebelli. Er erklärt, warum es gesünder sein kann, aus dem Fenster zu schauen, anstatt Freunde zu treffen.

Für viele ist es eine Art »Ideal«: ein Leben mit wenig Schlaf, langen Arbeitszeiten und in ständiger Erreichbarkeit. Dass uns ein solcher Lebensstil aber krank mache, werde ignoriert, so Joseph Jebelli. Dem Autor wurde dieser Zusammenhang früh bewusst: Als er vierzehn Jahre alt war, wurde er Zeuge des Burnouts seines Vaters; bei diesem wurde eine starke depressive Störung diagnostiziert, er schlief die meiste Zeit. Sein Sohn beschäftigt sich nun als Neurowissenschaftler mit dem »Wie und Warum« solcher Erkrankungen. Was das Gehirn braucht, um der Falle des Burnouts zu entgehen, und wie wir mit mehr »Nichtstun« letztlich sogar produktiver werden, das zeigt Jebelli in »The brain at rest«.

Was passiert im Gehirn, wenn wir aus dem Fenster blicken, ohne dabei konkreten Gedanken nachzuhängen? Früher hätte man vielleicht geantwortet: »Nicht viel.« Heute wissen wir, dass es dann erst so richtig losgeht: In Momenten, in denen die Gedanken abschweifen und wir uns am unproduktivsten wähnen, aktiviert sich das »Ruhezustandsnetzwerk«. Dieses fördert unter anderem Intelligenz, Kreativität und soziale Empathie. Die Aktivität dieses neuronalen Netzwerks kann Synapsen stärken und das Risiko reduzieren, neurologische Erkrankungen wie Depressionen oder Demenz zu entwickeln.

Das Diktat des Müssens

Eine ganz auf die Arbeit und die an uns gerichteten Erwartungen fokussierte Lebensart brenne uns dagegen aus, so der Autor. Wir arbeiten von früh bis spät, sind dabei häufig unproduktiv, da wir aufgrund des Schlafmangels übermüdet sind. Mit Koffein putschen wir uns auf, um den Arbeitstag zu überstehen und danach soziale Kontakte zu pflegen, auch wenn wir das dann vielleicht gar nicht mehr wollen. Rauszugehen, mit Menschen zu interagieren und sich deren jeweiligen Erwartungen anzupassen, sei Schwerstarbeit – erzwungene Geselligkeit könne genauso gesundheitsgefährdend wirken wie erzwungene Einsamkeit. Mögliche Folgen seien emotionale Erschöpfung, Stress und Reizbarkeit. Schlimmstenfalls, so Jebelli, arbeiten wir uns zu Tode – fallen dem »Karoshi« zum Opfer, wie der Tod durch Überarbeitung in Japan genannt wird.

Zum Abschluss eines reizüberfluteten Tages führen wir uns oft »neuronales Junkfood« zu, konsumieren »Anti-Social-Media« und frönen dem größten Konkurrenten des Schlafs: dem Videostreaming. Das Thema Schlaf wird im zweiten Teil des Buchs behandelt. Hier erfahren wir, dass die gängigen sechs bis acht Stunden selten ausreichen – und die US-amerikanische Sängerin Mariah Carey volle fünfzehn Stunden pro Tag schläft. Eine andere Form der Erholung sei das Waldbaden, auf Japanisch »Shinrin Yoku«, welches das Ruhezustandsnetzwerk ordentlich ankurbele und Zeit biete, bewusst allein zu sein, um dem Gehirn so seine »CPU-Zeit«, wie Bill Gates sie einmal nannte, zuzugestehen. Im dritten Teil widmet sich Jebelli der aktiven Erholung. Der Autor vermittelt hier unter anderem, warum das Zocken beim Zombie-Shooting dem Gehirn guttun und sogar dessen Wachstum unterstützen kann!

Beim Lesen dieses Buchs fühlt man sich häufig ertappt – auch bei der abendlichen Lektüre selbst, da diese auf Kosten des wertvollen Schlafs geht. Hilfreich zur Strukturierung des eigenen Handelns sind dann die Listen am Ende jedes Kapitels, in denen Jebelli jeweils »einige praktische Tipps« zur Umsetzung zusammenfasst. 

Sachlich, wissenschaftlich fundiert und angereichert mit eigenen Erfahrungen schildert Jebelli so die schädlichen Folgen eines ruhelosen Lebensstils und zeigt Möglichkeiten für ein besseres Leben auf.

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