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Plädoyer in eigener Sache

In den zurückliegenden Jahren sind zahlreiche Bücher veröffentlicht worden, die das Ziel verfolgen, Mathematik populärer zu machen. Das vorliegende Werk schließt sich dem an. Der Autor ist Professor für angewandte Mathematik an der Cornell University (New York). Im Jahr 2010 verfasste er für die "New York Times" 15 Beiträge, in denen er für mehr Freude an der Mathematik warb. "The Joy of x" versammelt und ergänzt diese Beiträge. Die englische Originalausgabe erschien 2012 und jetzt nun auch die deutsche Übersetzung. Strogatz erhielt für sein Buch den Euler-Book-Prize 2014 der Mathematical Association of America (MAA), was den Umsatz sicher fördern wird. Erfreulicherweise ist mit dem Kauf des Bands die Lizenz zum kostenlosen Herunterladen der E-Book-Version verbunden.

Der Verlag wirbt auf der Umschlagseite mit einem Zitat von Ranga Yogeshwar: "Nach der Lektüre von The Joy of x werden Sie eine neue Lust entdecken!". Das mag im Einzelfall zutreffen, aber sicher nicht bei allen Lesern. So können mathematisch Vorgebildete dem Werk nur wenig Neues entnehmen, auch wenn die zahlreichen Literaturhinweise und Links mit fast 60 Seiten Umfang sehr üppig ausfallen.

Kniffliges zum Nachdenken

Die spannendsten Beiträge sind jene, die auf dem rückseitigen Umschlag in Frageform angekündigt werden: Wie dreht man am klügsten seine Matratze? Nach wie vielen Dates sollte man sich entscheiden? Wie schafft man es im Google-Ranking nach ganz vorne? Was war der Grund für die Heftigkeit des Ersten Weltkriegs? Und warum zum Teufel werden bloß im Winter die Tage kürzer?

Strogatz vermittelt durchgehend Begeisterung an seinem Fach und versucht so, die Aufmerksamkeit seiner (Zeitungs-) Leser einzufangen. Der Übersetzerin ist ein gut lesbarer Text gelungen, der den Stoff korrekt vermittelt – abgesehen von einem Fehlgriff, nämlich der Verwechslung von "Kehrwertbildung" mit "Umkehrfunktion". Ob man allerdings das im Deutschen für jedermann verständliche Wort "Quadratzahlen" übersetzen muss mit "perfekte Quadratzahlen" (im Original vermutlich "perfect squares"), sei dahingestellt.

Insgesamt umfasst das Werk 30 nahezu unabhängig voneinander lesbare, ungefähr gleich lange Artikel. Sie sind fünf Oberthemen zugeordnet: Zahlen, Beziehungen, Formen, Veränderliches, Daten und Grenzgänger. Zahlreiche Grafiken fördern das Verständnis, allerdings sind sie nur schwarzweiß. Spätestens beim Thema Fraktale vermisst man farbige Abbildungen.

Minus 50 plus 50 macht minus 25

Der Autor bemüht sich erkennbar darum, den Lesern einen praktischen Nutzen zu vermitteln. So widmet er sich im Beitrag "Lust auf x" der Verwendung von Variablen, erklärt einen Kopfrechentrick für Quadratzahlen und verdeutlicht mithilfe der Gleichung (1-x)·(1+x)=1-x2, warum ein Verlust von 50 Prozent und ein anschließender Gewinn von 50 Prozent insgesamt einen Verlust von 25 Prozent darstellen. Ein anderer Beitrag befasst sich mit dem Lösen der quadratischen Gleichung ax2+bx+c=0 und erläutert hierbei den genialen Ansatz des choresmischen Mathematikers Abu Jafar Mohammed ibn Musa Al-Khwarizmi (8./9. Jh.), den Vater der Algebra.

Mitunter erweisen sich Strogatz’ Ausführungen aber als wenig greifbar – etwa, wenn er in die Welt der komplexen Zahlen einführt. Hier demonstriert er, dass die Multiplikation mit der imaginären Einheit i eine Drehung um 90 Grad in der Zahlenebene bewirkt, und setzt dann mit folgendem Absatz fort:

"Aus genau diesem Grund haben Elektroingenieure ein Faible für komplexe Zahlen. Über eine Möglichkeit zu verfügen, eine Rotation um 90° derart kompakt darzustellen, ist höchst nützlich, wenn man mit Wechselströmen und -spannungen oder mit elektrischen und magnetischen Feldern arbeitet, denn hierbei hat man es oftmals mit Schwingungen oder Wellen zu tun, die um einen Viertelkreis (sprich 90°) phasenverschoben sind. Ja, komplexe Zahlen sind für alle Ingenieure unentbehrlich. In der Luftfahrt haben sie die ersten Berechnungen zum Auftrieb eines Flugzeugflügels ermöglicht. Hoch- und Tiefbauingenieure oder Maschinenbauer verwenden sie routinemäßig, um das Schwingungsverhalten von Überführungen, Hochhäusern oder von Autos zu berechnen, die über unebene Straßen holpern."

Das mag beeindruckend klingen, hilft den meisten Lesern aber nicht wirklich weiter. Auch der Hinweis, dass man beim Lösen von quadratischen Gleichungen im Komplexen auf Fraktale stoßen kann, ist wohl nur bedingt nützlich.

Das Schwarze knapp verfehlt

Am Ende bleibt ein durchwachsener Eindruck. Zwar präsentiert das Buch zahlreiche interessante und ansprechende Beispiele, um die Bedeutung der Mathematik in unserer Alltagswelt zu verdeutlichen. Doch hält der Autor das nicht konsequent durch. Und mathematisch Interessierte werden bei der Lektüre wohl feststellen, dass sie mehr erwartet haben als das Werk bietet.

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