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»The Solar System«: Das Sonnensystem von seiner besten Seite

Inhaltlich, ästhetisch und in seiner handwerklichen Qualität lässt dieses englischsprachige Werk über unser Sonnensystem kaum einen Wunsch offen. Ein Juwel.

Gleich vorweg: Ich habe schon lange nicht mehr ein so durch und durch und in jeder Hinsicht schönes Buch gelesen wie »The Solar System« der Astronomen William Sheehan und Clifford J. Cunningham. Die beiden präsentieren in diesem sorgfältig recherchierten Werk in zehn Kapiteln eine beeindruckende historische und wissenschaftliche Momentaufnahme unseres Sonnensystems. Mit einer gelungenen Kombination aus fesselnder und unterhaltsamer Erzählung, geschichtlichen Betrachtungen, den neuesten Forschungsergebnissen und außergewöhnlich gut ausgewählten Illustrationen zeichnen sie ein faszinierendes Bild von der Entwicklung des Verständnisses unserer unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft.

»The Solar System« ist über 400 Seiten stark (die Seitenzahl ist leider nicht in jeder Händlerdatenbank korrekt hinterlegt). Ein gewichtiges, qualitativ herausragendes Werk. Das betrifft alle Aspekte, so auch die sorgfältige und hochwertige Bindung in Schweizer Broschur. Es bleibt in jedem Öffnungszustand flach auf dem Tisch liegen, ohne dass die Seiten wieder von allein zuklappen, egal ob man auf S. 5 ist oder auf S. 250. Die verantwortliche Druckerei ist übrigens in Indien angesiedelt.

Das Buch gibt es nur auf Englisch. Es ist in recht anspruchsvoller Sprache verfasst und lässt – vor allem in den historischen Zitaten – den Schulwortschatz deutlich hinter sich. Man findet zahlreiche wunderbare Wörter und Satzkonstruktionen, die aber einem »Non-native-Gelegenheits-Speaker« wie mir auch schon mal kleine Rätsel aufgeben.

Die Bebilderung lässt kaum Wünsche offen. Die Fotos passen exakt zum Text und werden genau an den richtigen Stellen eingesetzt. Ich konnte auch nirgendwo einen Rechtschreibfehler entdecken. Nicht einen einzigen. Die sorgfältige Gliederung und der klare und übersichtliche Referenzteil machen es auch für wissenschaftliche Zwecke gut nutzbar. Der Londoner Verlag »Reaktion Books«, in dem das Buch erschienen ist, hat richtig in dieses Werk investiert. Und für das, was es bietet, ist es noch nicht einmal sehr teuer: 35,99 € ist die unverbindliche Preisempfehlung.

Spannende Wissenschaftsgeschichte

Die Storys, die sich um die Himmelskörper unseres Sonnensystems ranken, sind so spannend geschrieben, dass man mit den meist längst verstorbenen Entdeckern mitleidet, wenn sie – wie wir heute wissen – mal wieder die falschen Schlüsse gezogen haben; man empfindet ein wenig Schadenfreude, wenn sie aus Hybris ob der vermeintlichen Überlegenheit der menschlichen Rasse völlig abwegige Schlussfolgerungen präsentierten, und lernt mit Bedauern, dass so mancher zwar das Richtige gedacht hat, aber seiner Zeit so weit voraus war, dass ihm einfach niemand glaubte.

Für mich bot dieses Buch reihenweise kleine Aha-Erlebnisse. Beispiel? Unsere Sonne ist bekanntlich ein gelber Zwergstern des Typs G2. So haben es viele von uns auf ihrem Weg durch die Oberstufe gelernt und zusammen mit dieser Information die Vorstellung abgespeichert, dass sich unser Heimatstern irgendwo in den ungeheuren Massen kleinster und allerkleinster Sterne tummelt. Doch das ist eher eine technische Bezeichnung, um sie im Hertzsprung-Russell-Diagramm von den mehrfach größeren gelben Riesen (wie etwa Capella) abzugrenzen. Tatsächlich gehört unsere Sonne zu dem einen Prozent der größten Sterne des Universums. 99 Prozent sind kleiner als sie.

Wo Astronomen irrten

Das Buch bietet eine Menge solcher Erkenntnisse. Einige besonders schöne finden sich beispielsweise im Kapitel über die Atmosphärentexturen auf dem Jupiter. Fast schon ein wenig erheiternd, aber auch zum Nachdenken anregend, sind die vielen Berichte gestandener Astronomen der gar nicht so fernen Vergangenheit. Die einen glaubten Hunderte von Marskanälen beobachtet zu haben, andere fabulierten detailliert von Bergen, Tälern und Vulkanen, die sie auf der Venus zu sehen glaubten; und als in den 1850er Jahren der Mathematiker Benjamin Peirce kundtat, dass die Ringe des Saturn wahrscheinlich aus flüssigen Strömen bestanden, fanden sich sogleich viele Beobachter, die in diesem ringförmigen Ozean Wellen beobachtet haben wollten. All diese Geschichten sind wunderbar zu lesen, genauso wie die Berichte über moderne Großteleskope und Raumsonden, die den neuesten Forschungsstand repräsentieren.

Wo könnte man jetzt mäkeln? Zu meckern gibt es ja immer etwas, in diesem Fall muss man aber schon wirklich lange suchen. Probieren wir es trotzdem. Ein wenig störend finde ich persönlich die bunte Mischung aus imperialen und metrischen Größenbezeichnungen. Meistens gibt es zwei Angaben parallel, manchmal nur die eine und manchmal nur die andere. Und manchmal sind im selben Satz metrische Angaben mit imperialen Maßeinheiten gemischt.

Noch etwas? Vielleicht das hier: Das Schriftbild des Buchs ist überaus klar, die Typen sind groß und sehr gut lesbar. Die Bildbeschriftungen aber sind – zumindest für mich – deutlich zu klein ausgefallen. Einen Punkt größer hätte die Schrift hier schon sein dürfen, gerade angesichts der vielen »Luxuselemente«, die das Werk sonst zu bieten hat. Und das war‘s dann eigentlich schon.

Fazit: Ein Buch, das unseren gegenwärtigen Kenntnisstand über das Sonnensystem perfekt zusammenfasst. Ein wahres Juwel für Menschen mit Enthusiasmus für Astronomie und Raumfahrt. Unbedingt kaufen.

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