Direkt zum Inhalt

»Too Much«: Wenn alles zu viel ist

Wie bleibt man handlungsfähig in einer unübersichtlichen Welt? Die Persönlichkeitspsychologin Eva Asselmann macht Mut, der eigenen Wirksamkeit zu vertrauen.

»Nicht wir treiben das Leben – es treibt uns. Und je stärker wir versuchen, Kontrolle zurückzuerlangen, desto mehr scheint sie uns zu entgleiten«, schreibt Eva Asselmann. Damit trifft sie den Nerv der Zeit. Unsere Gegenwart ist geprägt von gefühlter Zeitarmut, ständiger Beschleunigung, einem Überangebot an Möglichkeiten und Zukunftsängsten. Das hält unser Nervensystem in dauerhafter Alarmbereitschaft und überfordert viele Menschen psychisch und physisch.

Kontrolle, so die Autorin und Persönlichkeitspsychologin, ist ein menschliches Grundbedürfnis, ihre Erfüllung schenkt Sicherheit und stiftet Sinn. Fehlt jedoch das Gefühl, Einfluss nehmen zu können, empfinden wir Ohnmacht. Anschaulich beschreibt Asselmann, wie der Körper darauf mit Dauerstress, Herzrasen und Schlaflosigkeit reagiert und wie das langfristig krank macht.

Ohnmacht und Orientierungslosigkeit kompensieren viele Menschen mit Ersatzstrategien: Durch strikte Diäten, eiserne Routinen oder die permanente Selbstvermessung – etwa das Zählen von Kalorien oder Schritten – holen sie sich ein trügerisches Gefühl von Sicherheit zurück. Am Beispiel der Orthosomnie zeigt Asselmann, wie ungesund solche Kontrollversuche sein können; dabei handelt es sich um eine Störung, bei der man sich gerade durch ständiges Vermessen des eigenen Körpers um den Schlaf bringt, den man so doch verbessern wollte.

Kreisende Gedanken

Asselmann schreibt klar und verständlich. Alltagsnahe Szenen machen ihre Argumente greifbar: »Er liegt wach. Die Kinder schlafen, das Haus ist still. Und doch kreisen seine Gedanken weiter.« Oder: »Im Café scrollt eine Frau durch ihr Handy, wischt, beginnt von vorn. Was äußerlich wie Zerstreuung wirkt, ist in Wahrheit Flucht – ihr Versuch, der inneren Unruhe zu entkommen.« In solchen Situationen dürften sich viele Leserinnen und Leser wiederfinden.

Immer wieder durchbricht die Autorin den Lesefluss mit kurzen Fragen, die zum Innehalten einladen: »Erinnerst du dich an deine besten Ideen? Entstanden sie im schnellen Takt der Aufgaben oder im Dazwischen, beim Gehen, Warten, Atmen?« So schafft Asselmann genau jene kleinen Pausen, die sie im Buch als essenziell beschreibt. Auch Einschübe mit dem Titel »Jetzt du!« bilden Brücken vom Lesen zum Handeln: Achtsamkeitsübungen, ein Test zu der Frage, wie sehr man den sozialen Medien verfallen ist, oder konkrete Anregungen wie eine »Nachrichten-Diät«.

Sicherheit durch Wirksamkeit

Auf den ersten Blick wirken die Themen des Buchs – etwa Nostalgie, Selbstoptimierung, Einsamkeit, digitaler Overload oder Sinnsuche – heterogen. Doch sie verweisen letztlich alle auf eine Kernfrage: Wie bleiben wir handlungsfähig, wenn wir unsere Umwelt immer weniger kontrollieren können? Asselmanns Botschaft: Halt entsteht nicht, indem wir versuchen, alles in den Griff zu bekommen, sondern durch Selbstwirksamkeit.

Der Praxisteil am Ende des Buchs zeigt, wie sich dieses Zutrauen in sechs Wochen Schritt für Schritt aufbauen lässt. Die Übungen bleiben bewusst überschaubar und alltagstauglich, sie machen Selbstwirksamkeit unmittelbar erfahrbar. Ein Buch für eine Zeit voller Unsicherheit – und eines, das daran erinnert, wie viel Gestaltungskraft in uns liegt.

Kennen Sie schon …

Spektrum Psychologie – Das Glücksparadox – Wie wir ihm entkommen

Macht die Suche nach dem Glück unglücklich? Das Titelthema dieser Ausgabe zeigt, weshalb unser Streben manchmal nach hinten losgeht – und wie wir es klüger gestalten. Außerdem: Die vielen Gesichter der Depression, wie wir Ziele leichter erreichen, was hinter Rachegefühlen steckt und mehr.

Spektrum - Die Woche – Wie die Sonne das Denken beflügelt

Wie beeinflusst das Sonnenlicht, Helligkeit und Dunkelheit unser Denken? Erfahren Sie, wie Jahreszeiten unsere kognitiven Fähigkeiten beeinflussen können, Kinder von Muskeltraining profitieren und ob unser Wasser vielleicht aus zwei Flüssigkeiten besteht. Plus: Artemis 2 – Aufbruch zum Mond geglückt

Gehirn&Geist – Perfektionismus - Ein Risikofaktor für psychische Erkrankungen?

Rund 30 Prozent der Erwachsenen zeigen perfektionistische Tendenzen – doch oft hat dies auch seinen Preis. Perfektionismus kann ein Risikofaktor für psychische Erkrankungen sein. Wir berichten, wie ein gesunder Umgang mit den eigenen hohen Ansprüchen gelingen kann und welche Form von Perfektionismus Eltern vermeiden sollten, um ihre Kinder zu entlasten. Außerdem werfen wir einen Blick auf die langen Wartezeiten in der Psychotherapie, beleuchten, ob Ohrstöpsel tatsächlich den Schlaf verbessern, und fragen, wie wir möglichst lange gesund leben können.

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.