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»Touch me«: Weil Berührungen wichtig sind

Für die kindliche Entwicklung sind Berührungen ebenso wichtig wie für ein gesundes Erwachsenenleben. Ilona Croy gibt einen kompakten Überblick über die wichtigsten Erkenntnisse zum Thema.

Die Psychologin Ilona Croy von der Friedrich-Schiller-Universität Jena wendet sich mit ihrem Buch an alle, die mehr über die Bedeutung und Wirkung von Berührungen erfahren möchten. Im Mittelpunkt steht der Körperkontakt. Dabei wirkt der englischsprachige Buchtitel unnötig – »Berührung« wäre für deutsche Leser verständlich und beschriebe die Inhalte bestens.

In 26 oft sehr knappen, manchmal nur drei Seiten umfassenden Kapiteln referiert die Autorin auf insgesamt weniger als 200 Seiten Erkenntnisse zum Thema Berührung. Angesichts der sehr umfangreichen wissenschaftlichen Literatur über die psychologischen, neurophysiologischen und neurologischen Mechanismen des somatosensiblen Systems kann die Autorin in diesem Buch nur ausgewählte Beispiele vorstellen, eine erschöpfende Darstellung sollte man also nicht erwarten.

Welche Berührungen sind wann erlaubt?

Im Großen und Ganzen erscheint die Auswahl der Inhalte gelungen, und das Buch illustriert anhand von Alltagsbeispielen, welch große Bedeutung Berührungen für uns haben, obwohl wir sie meist nur unbewusst wahrnehmen. Welche Berührungen erlaubt sind, hängt stark von den Lebensumständen ab. Dabei spielen Kultur und Persönlichkeit, aber auch das Alter und die jeweilige persönliche Beziehung eine wichtige Rolle. Im Sport ist direkter Körperkontakt beim Torjubel kein Problem; im normalen Arbeitszusammenhang stößt ein ähnliches Verhalten wohl eher auf Ablehnung.

Wir halten bestimmte Abstände ein, die als »Distanzzonen« bezeichnet werden. Diese erlernen wir durch unsere Erziehung, sie beeinflussen unser Verhalten oft unbewusst. Auch gelernte Tabus bestimmen, wer uns in welcher Situation wo berühren darf. Das Spektrum dessen, was uns angemessen erscheint, reicht von unüberwindbaren Distanzen zu Fremden über die Berührungen durch Bekannte, Freunde und Familienmitglieder bis hin zu den sehr engen körperlichen Beziehungen in unseren Partnerschaften.

Körperliche Nähe ist auch für die normale physische und psychische Entwicklung von Babys und Kleinkindern von großer Bedeutung; das haben unter anderem die Untersuchungen gezeigt, die der amerikanische Psychologe und Verhaltensforscher Harry F. Harlow bereits in den 1950er Jahren an Affen durchgeführt hat. Eine normale frühkindliche Entwicklung hängt stark von Berührungsreizen ab. Eine sogenannte Deprivation führt zu massiven körperlichen und psychischen Auffälligkeiten. Und auch bei Erwachsenen beeinflussen kleine Berührungen die Stimmung. Sie können außerdem Sympathie und Kooperation zwischen Menschen fördern.

Berührungen sind durch nichts zu ersetzen

Deshalb sind »Streicheleinheiten« in unserem Alltag für das Zusammenleben sehr wichtig. Diese lassen sich durch die heute oft genutzte digitale Kommunikation nicht ersetzen, wie besonders während der Coronapandemie deutlich wurde. Körperlichen Abstand kann man nicht durch technisch erzeugte »Nähe« ausgleichen. Auch Haustiere wie Hunde oder Katzen sind deshalb sehr beliebt: Sie sind eng mit ihren Besitzern verbunden und suchen deren Nähe. Einen Hund zu streicheln, wirkt meist beruhigend und kann sogar den Blutdruck senken. Dies illustriert, wie Berührungen helfen können, Stress abzubauen. Eine Reihe ähnlicher Beispiele wird von der Autorin beschrieben.

All diese Befunde beruhen nicht nur auf psychologischen Prozessen, sondern haben ihre Grundlage in den Funktionen des Gehirns. Deshalb spielen Neuroanatomie und -physiologie eine zentrale Rolle für das Verständnis der Bedeutung von Berührungen. Dieser sehr wichtige Aspekt wird allerdings von der Autorin nicht besonders ausführlich behandelt, sie nähert sich dem Thema vor allem aus psychologischer Perspektive.

So wird zwar die Rolle bestimmter Nervenfasern und Hirnregionen kurz angesprochen, doch diese Informationen sind eher knappgehalten. Auch erfährt der Leser so gut wie nichts über die verschiedenen hochspezialisierten Sinnesrezeptoren in unserer Haut, die differenzierten Bahnsysteme und die Aufgaben der vielen verschiedenen Gehirnregionen werden ebenfalls kaum erklärt. Dabei illustriert gerade das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Bereiche des Nervensystems, wie komplex die Verarbeitungsschritte sind, die zu unserer bewussten – und auch unbewussten – körperlichen Wahrnehmung führen. Dass der vorliegende Text einem Leser ohne umfangreiches Vorwissen diese Prozesse wirklich erklären kann, darf bezweifelt werden. Dies ist natürlich der Kürze der Darstellung geschuldet, die eine umfassende und ausreichende Beschreibung nicht zulässt; schade ist es trotzdem. Die Autorin nähert sich dem Thema vor allem aus psychologischer Perspektive.

Insgesamt gibt das Buch aber insbesondere Laien einen gelungenen ersten Einblick in die Welt der Berührung. Die kurzen Kapitel sind gut lesbar und verständlich. Wer sich die komplexen Zusammenhänge jedoch genauer erschließen will, kommt um die Lektüre der zitierten und weiterer Fachliteratur nicht herum. Eine Mühe, die dieses Thema aber allemal wert ist.

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