»Träume aus Feuer«: Eine Karriere aus Glas
Wer an die Pfaueninsel denkt, die von der Havel umflossen malerisch im Berliner Stadtteil Wannsee liegt, hat wohl als Erstes das weiße Schlösschen aus dem 18. Jahrhundert vor Augen, das schon so manchem Film als Kulisse diente. Die historische Pfaueninsel, auf die uns Florian Illies mitnimmt, ahnt noch nichts davon. Sie ist wild und ursprünglich. Als Kurfürst Friedrich Wilhelm, Markgraf zu Brandenburg, das Eiland am 27. Oktober 1685 dem Alchemisten Johann Kunckel übereignet, nennt es die Schenkungsurkunde zwar schon »Pfauen-Werder« – »Werder« bedeutete »Insel« oder »Aue« –, doch das vornehme Geflügel sucht man dort noch vergebens. Kaninchen werden gezüchtet, ansonsten ist alles ungezähmte Natur.
Das Geschenk dient nicht der Erbauung, sondern einem praktischen Zweck: Fern von Spionen, die das Betriebsgeheimnis des Glasexperten ausspähen könnten, soll Kunckel dort sein erstaunliches Rubinglas produzieren. Weil der Kurfürst und seine Gattin Dorothea ganz vernarrt in die rot funkelnden Weinpokale und Teeservices sind. Und weil Kursachsen im Reigen der Kolonialmächte mitmischen will, wenn auch in bescheidenerem Maße. An der westafrikanischen Küste hat es die Festungen »Groß-Friedrichsburg« und »Fort Dorothea« errichtet, um Gold, Elfenbein, Pfeffer und Sklaven einzutauschen. Gegen die rot funkelnden »Glas-Corallen« Kunckels.
1685 steht der Alchemist bereits seit siebeneinhalb Jahren im Dienst des Großen Kurfürsten. Ursprünglich sollte er für ihn natürlich unedles Metall in Gold verwandeln. Stattdessen zerreibt Kunckel Golddukaten zu Pulver, das er seinen Glasschmelzen untermengt. Er hat in vielen Versuchen gelernt, dies in der richtigen Weise zu tun. Stimmt die Temperatur, passt die Zusammensetzung der Schmelze, lässt das fein verteilte Gold das Glas rubinrot leuchten. Selbst die Venezianer beneiden Kunckel um seine Kunst.
Gunst und Missgunst bei Hofe
Das macht ihn zu einem Günstling des Kurfürsten, sogar zu einem Vertrauten, mit dem der Herrscher Persönliches bespricht – von seinen Zipperlein, die ihm das Gehen zur Qual werden lassen, bis zu den Sorgen, die ihm der Thronerbe bereitet. Doch diese besondere Stellung missfällt anderen Höflingen, ebenso dem Prinzen, der Glaskunst ohnehin als unnütz erachtet.
Florian Illies porträtiert seinen Alchemisten als leidenschaftlichen Forscher in einer Zeit, da die Alchemie ihre Grenzen erkannte und sich zur Chemie entwickelte, sowie als klugen Aufsteiger, der seine Chancen wahrnimmt, für sich und seine Familie. Er muss den Launen seines Dienstherrn gerecht werden, und muss ihn, wenn dieser Unmögliches erwartet, von einer machbaren Alternative überzeugen. Was er jedoch nicht beherrscht, ist die Chemie zwischenmenschlicher Beziehungen bei Hofe; er fokussiert sich ganz und gar auf seinen Fürsten.
Mit schwelgerischen Naturbeschreibungen kontrastiert der Autor das sich anbahnende Drama. Das gerät mitunter etwas opulent, fast kitschig, um nicht zu sagen: barock. Wie etwa in der Eingangsszene, in der sich Kunckel erstmals auf seine Insel rudern lässt: »Die Havel ruht vor ihm in einem edlen Silbergrau, als hätte jemand über Nacht das flüssige Element in eine unendliche Glasplatte verwandelt […] Alles ist Stille an diesem Morgen […] Und über ihm nur das schwere blassgraue Tuch des erschöpften Spätwinterhimmels.«
Erzählte Geschichte
Hoppla, mag nun mancher denken, ist das noch ein Sachbuch oder nicht vielmehr ein historischer Roman? Florian Illies bewegt sich hier im Genre des erzählenden Sachbuchs. Er übernimmt als Autor die Rolle eines Zeitzeugen, begleitet seinen Protagonisten, versetzt sich in seine Gedanken- und Gefühlswelt. Ob Johannes Kunckel wirklich so dachte, so empfand? Diese Frage lässt sich letztlich nicht beantworten.
Freilich weiß Illies als Historiker und Kunstexperte, aber auch als Journalist und Mitglied im Herausgeberrat der ZEIT um die Fallstricke solch spekulativen Vorgehens. Seinem Buch gingen Gespräche mit Forschern voraus, das Studium ihrer Werke zu Kunckel, über die Zeit und ihre Glaskunst. Inhaltlich klingt das alles plausibel, der Rezensent hätte sich allenfalls gewünscht zu erfahren, ob der historische Kunckel Notizen, Tagebücher oder Briefe hinterlassen hat, die Illies’ Interpretationen stützen.
Wenn Statisten zu Akteuren werden
Das fiktionale Element ermöglicht es dem Autor nicht nur, ein lebendiges Bild dieser Zeit und ihrer Protagonisten zu zeichnen, es erlaubt es ihm auch, die namenlosen Akteure in den Blick zu nehmen, dank deren harter Arbeit Kunckel sein Genie überhaupt erst entfalten konnte. Da ist der Aschekocher, der tagein, tagaus Pflanzenasche mit Wasser auslaugt, diesen Sud einkocht, bis Pottasche zurückbleibt. Die senkt nämlich die Schmelztemperatur des Rohstoffs Sand um mehrere Hundert Grad. Was so detailliert damals noch niemand verstand: Versuch und Irrtum prägten die frühe Naturwissenschaft stärker als Theorien. Dann waren da der Ofenmeister und sein Heizer. »Der Ofen ist ein gieriges Tier, das ununterbrochen gefüttert werden will, sagt Kunckel. Aber wehe, das Essen wird zu heiß serviert.« Außerdem einer, der mit einer Eisenstange in der heißen Schmelze rührt, um zu prüfen, ob sie denn schon von honigartiger Konsistenz sei. Und schließlich die Glasbläser, die mit ihren Metallpfeifen Tropfen aus der Schmelze aufnehmen und in Form blasen. Der Alchemist selbst ist der Herr des Prozesses und der Einzige, der es versteht, zur rechten Zeit die richtigen Zusätze hinzuzugeben, damit das Glas klar ist und das Goldpulver seine Wirkung erzielt.
Am Ende muss Johannes Kunckel mit seiner Familie weiterziehen. Als der Große Kurfürst stirbt, wird sein Günstling zum Opfer, nehmen ihm die Neider alles, was sein Gönner ihm schenkte. Sogar die Pfaueninsel, die erst einmal wieder den Kaninchen gehört. Bis der neue Kurfürst, Friedrich Wilhelm II., darauf einen Landschaftsgarten anlegen lässt. Mit dem berühmten Schlösschen als filmtauglichem Highlight.
Mit »Träume aus Feuer« hat sich die von Bastei Lübbe 2026 gegründete Marke »Pfaueninsel« bestens in einem anspruchsvollen, gleichwohl unterhaltenden Segment positioniert.
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