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Der Weg ins Verhängnis

Krebs gehört zu den gefürchtetsten Erkrankungen. Kaum jemand befasst sich gern damit. Doch früher oder später werden wir fast alle dazu gezwungen, denn jeder dritte Europäer bekommt die Krankheit irgendwann. Wir müssen damit rechnen, dass es eines Tages entweder uns selbst trifft – oder einen nahen Angehörigen.

Was ist Krebs? Wie entsteht er, und wie kann man ihn behandeln? Darauf gibt dieses Buch fundierte und verständliche Antworten. Die Autorin Anja Klußmeier ist promovierte Humanbiologin und seit Jahren in der Krebsforschung tätig, unter anderem an der Berliner Charité. Die Idee zu diesem Werk entstand während einer Infoveranstaltung für Patienten.

Publikationen über Krebs sind zwar Legion; zudem enthält Klußmeiers Buch kaum Neues. Trotzdem lohnt es sich, den Band zu lesen. Denn er zeichnet den kompletten Weg nach, den eine gesunde Körperzelle nehmen muss, um zur Krebszelle zu werden. Heraus kommt ein straffer Abriss der Onkologie, den auch Laien nachvollziehen können – ein solides Fundament, um das Wesen von Tumorerkrankungen zu verstehen. Als kurz gefasstes Kompendium kann das Werk sogar Lesern nutzen, die umfangreiche Vorkenntnisse besitzen.

Von A bis Z durch den Stoff

Klußmeier beginnt mit Aufbau, Funktionen und Teilungszyklus der Zelle. Dabei führt sie in Zytologie, Biochemie und Genetik ein. Sie erläutert die verschiedenen Arten der DNA-Mutationen und deren Auswirkungen. Auf dieser Basis beschreibt die Autorin sodann, welche Karzinogene es gibt und warum sie Mutationen verursachen.

Der folgende Teil ist besonders interessant. Hier erklärt Klußmeier die Transformation, also die Entwicklung einer normalen Körper- zur Krebszelle. Dabei wird klar: Krebs entsteht nicht aus heiterem Himmel. Eine Zelle muss sich acht Fähigkeiten aneignen, um einen bösartigen Tumor hervorzubringen. Sie muss ihre autarke Versorgung mit Wachstumsfaktoren sicherstellen, resistent werden gegenüber Wachstumshemmern, den programmierten Zelltod vermeiden, das Vermögen zur unbegrenzten Teilung erlangen, sprossende Blutgefäße anlocken, ihren Stoffwechsel drastisch verändern, die Immunreaktion des Körpers unterdrücken und ins umgebende Gewebe eindringen sowie Metastasen (Tochtertumoren) absondern.

Damit nicht genug. Die transformierende Zelle muss bei alldem auch noch diverse Sicherheitsvorkehrungen unterlaufen, mit denen der Körper die Tumorentstehung normalerweise verhindert.

Das ist beinahe unmöglich, und die allermeisten Zellen, die diesen Pfad einschlagen, scheitern beziehungsweise werden vernichtet. Doch unser Körper enthält rund zehn Billionen Zellen (ohne Mikrobiom). Sie müssen sich laufend vervielfältigen, um den Verschleiß des Organismus zu kompensieren – im einen Gewebe mehr, im anderen weniger. Während des Lebens kommen so Aberbilliarden Zellteilungen zusammen. Auch wenn es fast ausgeschlossen ist, dass eine Zelle bei einer Vermehrung jene Merkmale erwirbt, die sie in Richtung Tumor verändern: Wegen der schieren Menge der Teilungen passiert es irgendwann. Mit jeder Zellteilung, die in unserem Körper abläuft, wird Krebs ein klein wenig wahrscheinlicher.

Die Last der Jahre

Aus diesem Grund trifft die Krankheit vor allem Ältere. Auf einen unter 15-Jährigen, der eine entsprechende Diagnose erhält, kommen 200 bis 300 über 80-Jährige. Für unsere steinzeitlichen Vorfahren war Krebs kaum ein Thema: Sie erlebten ihn nicht. Sie verhungerten, erfroren, starben an Erschöpfung, fielen Raubtieren oder Infektionen oder Parasiten zum Opfer, wurden von Feinden erschlagen, bevor sich ihre Tumorerkrankungen manifestierten.

Klußmeier beschreibt, welche Einflüsse das Krebsrisiko erhöhen und wie sie das tun. Dabei geht sie auf Proteinkaskaden und Signalwege, Rezeptoren und Liganden, Onkogene und Tumorsuppressoren und vieles mehr ein. Auch erklärt sie, warum die Quantifizierung von Risikofaktoren so schwierig ist. Zwischen dem Kontakt mit einem Karzinogen und dem Ausbruch der Erkrankung liegen meist Jahre bis Jahrzehnte. In dieser Zeit lebt der Patient weiter, altert, kommt mit anderen Karzinogenen in Berührung. Wenn die Krankheit schließlich diagnostiziert wird, ist es unmöglich zu sagen, was sie verursacht hat. Bei einem einzelnen Krebspatienten lässt sich kein Kausalzusammenhang nachweisen zwischen einer bestimmten Einwirkung und dem Tumorleiden.

Mit Statistik zur Erkenntnis

Um die Effekte von Karzinogenen am lebenden Menschen zu untersuchen, muss man riesige Studien auflegen, die die Lebensumstände und Erkrankungen tausender Menschen über viele Jahre hinweg dokumentieren. Aus den Daten ermitteln Statistiker anschließend das Gefährdungspotenzial des jeweils fraglichen Karzinogens, wobei sie andere, bereits bekannte Einflüsse herausrechnen. Das ist enorm kompliziert, aufwändig und teuer. Und doch ist es möglich. Millionen dokumentierter Fälle belegen beispielsweise, dass neun von zehn Lungenkrebserkrankungen bei Männern auf das Einwirken von Zigarettenrauch zurückgehen.

Im letzten Teil des Buchs befasst sich Klußmeier mit Krebstherapien. Hier bleibt sie sehr knapp, behandelt aber wichtige Wirkstoffe und deren Funktionsweise. Krebsimmuntherapien, derzeit wohl das verheißungsvollste Feld der Onkologie, streift sie nur oberflächlich.

Was in dem Buch steht, kann man zwar auch im Internet zusammensuchen. Das dauert aber, und man muss die seriösen Quellen kennen, um nicht einem der zahlreichen Quacksalber auf den Leim zu gehen. "Transformation – eine Zelle wird zu Krebs" liefert gebündeltes, etabliertes, gut zusammengestelltes Wissen. Grafisch hat das Werk leider nur minimalistische Zeichnungen zu bieten.

36/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 36/2016

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