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Wissenschaft unter dem roten Stern

Trotz punktueller Durchbrüche wie der Entwicklung eigener Atomwaffen sei die sowjetische Wissenschaft im Großen und Ganzen gescheitert, konstatiert der Journalist Simon Ings.

Nach der russischen Revolution 1917 versuchten die Bolschewiki, den neuen Staat auf ein solides wissenschaftliches Fundament zu stellen. Daher investierten sie massiv in Bildung und Forschung, vor allem in naturwissenschaftliche. Das Leben russischer beziehungsweise sowjetischer Biologen und Physiker, die zwischen 1900 und 1960 wirkten, schildert der britische Wissenschaftsjournalist und Autor Simon Ings in diesem Buch, wobei er die jeweiligen historischen Hintergründe ausleuchtet. So lässt sich sein Buch auch als kleine Geschichte der Sowjetunion lesen.

Die 1920er Jahre dominierte der Nobelpreisträger Iwan Pawlow (1849–1936), der mit dem kommunistischen Staat öffentlich kollaborierte. Seine These, wonach sich mittels Konditionierung bestimmte Verhaltensweisen oder Hirnvorgänge herbeiführen lassen, die dann an die Folgegenerationen vererbt werden, wurde zwar fleißig widerlegt und sogar von Pawlow selbst relativiert. Sie passte aber gut in das Konzept einer marxistischen Wissenschaft, die das Bewusstsein durch Veränderungen der Umwelt steuern wollte. So wurde Ende der 1920er Jahre die Psychoanalyse, die Verhaltensänderungen durch Selbstreflexion erreichen will, als nicht marxistisch aus der sowjetischen Psychologie verdrängt.

Kollektivierung und Industrialisierung

Die meisten Wissenschaftler, die schon in der Zarenzeit gewirkt hatten, bejahten das bolschewistische Regime, das ihnen allerdings umgekehrt misstraute. 1928, als die neu gegründeten sowjetischen Hochschulen ein ganzes Heer von Nachwuchswissenschaftlern ausgebildet hatten, rief Stalin zu einem Sturm auf die Bastionen der »bürgerlichen Wissenschaft« auf und forderte eine Wissenschaft, die sich allein am Nutzen orientiere. Zu dieser Ausrichtung passte der Agrarwissenschaftler Trofim Lyssenko (1898-1976), der im Fokus des Buchs steht. Sein Aufstieg begann um 1930, als Stalin mit der Kollektivierung des rückständigen Agrarlands die Industrialisierung durchpeitschen wollte und dem Lyssenkos Ideen dabei nützlich erschienen. Die sowjetische Presse feierte den Agronomen als einen streng an der Praxis orientierten Forscher. Er propagierte die Entwicklung neuer Nutzpflanzenarten innerhalb von drei Jahren – was im Widerspruch zur wissenschaftlichen Empirie stand, der zufolge hierfür zehn bis zwölf Jahre unerlässlich waren.

Die Sowjetunion litt in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens immer wieder unter verheerenden Hungersnöten, die Millionen Menschen das Leben kosteten. Dass Lyssenkos Konzepte, um dieses Problem in den Griff zu bekommen, praktisch alle scheiterten und die Hungerkrisen sogar noch verschärften, schadete seinem Ruhm nicht. Erst 1962 wurde er entmachtet, nachdem die meisten seiner wissenschaftlichen Ergebnisse als gefälscht entlarvt worden waren.

Eines von Lyssenkos vielen Opfern war der Botaniker Nikolai Wawilow. Dieser forschte über Genetik – ein Fachgebiet, das in der Sowjetunion zunehmend in Ungnade fiel. Nach massiven persönlichen Auseinandersetzungen ebnete Lyssenko den Weg zu Wawilows Verhaftung; der Botaniker wurde zu Geständnissen gezwungen und zum Tode verurteilt. Er starb 1943 im Alter von 55 Jahren im Gefängnis, wahrscheinlich an Hunger. Viele seiner Kolleg(inn)en waren bereits den stalinistischen Säuberungen der späten 1930er Jahre zum Opfer gefallen. Ihre Ängste und Leiden – viele mussten im Gulag-System wissenschaftliche Zwangsarbeit leisten – schildert der Autor sehr eindringlich und bedrückend.

Die sowjetischen Physiker waren dem existentiellen Druck weniger stark ausgeliefert, wie Ings in seinem Buch zeigt. Stalin brauchte sie für die sowjetische Atombombe, die 1949 zum ersten Mal gezündet wurde. Doch auch vor ihnen machte sein Misstrauen nicht Halt; so soll er mit Blick auf sie zu seinem Geheimdienstchef Berija gesagt haben: »Die können wir später erschießen.«

Trotz punktueller Durchbrüche wie der Entwicklung sowjetischer Kernwaffen beurteilt Ings den bolschewistischen Versuch, dem Kommunismus mit wissenschaftlichen Methoden auf die Sprünge zu helfen, als gescheitert. Das lag nicht nur an den politischen Repressionen, sondern vor allem an der engstirnigen Hybris, Mensch und Natur mit technischen Großprojekten unterwerfen zu können.

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