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Wenn der Mississippi sich wehren könnte

Terra-X-Moderator Dirk Steffens und der »Zeit«-Redakteur Fritz Habekuß diskutieren, wie der Mensch der Natur schadet – aber auch, wie man sie noch retten kann.

Ferkel wollen nicht, dass man ihnen ohne Betäubung die Hoden aus dem Körper reißt. Deshalb klagen sie vor dem Bundesverfassungsgericht. Noch ist nicht klar, ob die Klage angenommen wird. Natürlich waren es menschliche Anwälte, die im Namen der Tiere geklagt haben, aber dennoch trifft die Beschreibung die laufende Debatte: Soll nicht die Natur selbst Subjekt im Sinne des Gesetzes werden? Also Ferkel, Schimpansen oder gar Flüsse und Berge? Das diskutieren der Terra-X-Moderator Dirk Steffens und der »Zeit«-Redakteur Fritz Habekuß in ihrem Buch »Über Leben«.

Kampf für die Rechte der Natur

Der Mississippi ist eines der größten Flusssysteme der Welt, ein Highway für Schiffe, mit verdrecktem Wasser, Dämmen und Schleusen. Amerikanische Ureinwohner kämpfen für die Idee, dem Fluss Rechte zu verleihen, Seite an Seite mit Juristen, Wissenschaftlern und Philosophen. In dem zentralen Kapitel des Buchs berichten die Autoren mit großer Sympathie von der weltweit wachsenden Bewegung für die Rechte der Natur.

Auch steigt weltweit die Zahl von Umweltanwälten, was sich zum Beispiel an der erfolgreichen Kanzlei »Client Earth« in London zeigt. Dort arbeiten derzeit 70 Juristen in internationalen Projekten. Dass deren Arbeit bitter nötig ist, daran lassen die Autoren keinen Zweifel, denn: »Immer häufiger fühlen wir uns wie Kriegsreporter, die vor Trümmern von Verletzten und Toten berichten.« Dabei sei als Journalist von der Natur zu erzählen eigentlich ein Traumjob. Nur nicht in einer Welt, in der Homo sapiens als »ökologischer Massenmörder« (sie zitieren den Autor Yuval Noah Harari) haust. Oder in einer Welt, in der auf drei freie Vögel sieben Masthähnchen kommen.

So blieb Habekuß und Steffens, die eigentlich die Schönheit der Erde zeigen möchten, nichts anderes übrig, als ein Öko-Buch zu schreiben und ins gleiche Horn zu blasen wie viele vor ihnen – doch sie haben einen eigenen und überzeugenden Ton gefunden. Ihre Liebe zur Natur kommt dabei nicht zu kurz. Sie lassen anmutige Amseln singen, Beethoven einen Lindenbaum umarmen und legen zugleich temporeich mit ihren Recherchen zum Ist-Zustand der Erde los.

Die Autoren unterfüttern ihre bildreichen Beschreibungen mit Arbeiten von Forschern wie Johan Rockström, der mit seinen neun quantifizierbaren »planetaren Grenzen« weltweit Anerkennung gefunden hat. Diese Belastungsgrenzen dürfen demnach nicht überschritten werden, weil das Erdsystem sonst ins Wanken gerät und kippt. Nur eine zu übertreten, hieße, unsere Zivilisation auszulöschen. Die Erde würde sich anschließend neu organisieren. Denn, so die Autoren: »Der Denkfehler fängt bereits dort an, wo wir Naturschutz sagen und glauben, Natur bräuchte unseren Schutz. Tut sie nicht. Nach einem Massenaussterben dauert es eben ein paar Millionen Jahre, aber dann ist die Artenvielfalt wieder so groß wie vorher. … Wenn jemand Schutz braucht, dann wir.«

Oder anders formuliert: Wer Menschen schützen will, muss die Natur schützen. Habekuß und Steffens zeigen die Gültigkeit des Satzes am Beispiel des Coronavirus. Man vermutet rund 1,7 Millionen verschiedene Viren in Säugetieren und Vögeln, die auf Menschen überspringen könnten. Nur 3000 davon kennen wir, darunter die Viren, die Aids, Ebola, die Spanische Grippe und nun Corona ausgelöst haben. Je tiefer wir in die Wildnis eindringen, je mehr wir den Tieren zu Leibe rücken, desto wahrscheinlicher sind die nächsten Pandemien, »als würde uns die Natur eine Warnung senden: Haltet Abstand! Lasst uns Raum! Wir sollten das ernst nehmen!«

Das vielleicht Beste an diesem Buch ist die kritische Einbettung der Ökothemen in wirtschaftliche Zusammenhänge. Die Autoren diskutieren, warum der Gesang eines Vogels einen Wert hat, aber keinen Preis – und ob das Konzept der ökologischen Kreislaufwirtschaft die Lösung sein kann oder nur noch eine Ökodiktatur hilft. Sie beklagen die Vergesellschaftung der Schäden, die Ausbeutung gemeinschaftlich genutzter Güter wie Wasser oder Luft und was gut daran sein kann, wenn Finanzriesen wie Black Rock plötzlich in grüne Projekte investieren.

Am Ende des Buchs schaffen es die Autoren, doch noch Optimismus zu verbreiten, indem sie auf halb offene Türen weisen, die in eine bessere Welt führen könnten. Der Ton ist erfrischend, an manchen Stellen hört man den typischen Terra-X-Sound durch – fehlt nur das Meeresrauschen und die Musik.

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