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Gesundheitliche Folgen sind längst spürbar

Die Ärztin Claudia Traidl-Hoffmann und die Journalistin Katja Trippel haben bekannte, weniger bekannte und oftmals missachtete Zusammenhänge zwischen Klima und Gesundheit zusammengetragen.

Der Klimawandel ist für viele Menschen keine Krise – weil die für unser Gehirn erforderlichen vier Muster fehlen, ihn als solche einzustufen: Er ist meist nicht persönlich, tritt nicht abrupt auf, erscheint nicht unmoralisch und auch nicht gegenwärtig. Wer eine Krise nicht erkennt, dem fällt es schwer, angemessen zu reagieren. Das Buch »Überhitzt« von der Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann und der Journalistin Katja Trippel könnte daran etwas ändern: Es zeigt eindrucksvoll auf, welche Gesundheitsfolgen der Klimawandel schon heute in Deutschland hat, welche bald hinzukommen könnten – und wie unzureichend Politik und Behörden oftmals reagieren.

Die Klimakrise ist da!

Der Titel ist dabei irreführend, geht es im Buch doch nicht nur um die derzeit gravierendste Folge, die Hitzewellen, sondern um zahlreiche weitere Effekte der Klimaerwärmung, die unsere Gesundheit betreffen. Das gliedern die Autorinnen kapitelweise: Neben Hitze behandeln sie Allergien und Luftverschmutzung, Krankheitserreger, Krankheitsüberträger, Wetterextreme und Naturkatastrophen sowie psychische Folgen. Den Abschluss macht eine »Klimasprechstunde« mit praktischen Tipps und weiterführenden Quellen. Gerahmt wird das Ganze von zwei Chat-Protokollen zum Austausch der Autorinnen mit den Kabarettisten Eckart von Hirschhausen und Martin Herrmann – fraglich, ob darin für die Lesenden ein Mehrwert besteht, der über Hirschhausens Äußerung, »Wir müssen nicht ›das Klima‹ retten, sondern uns«, hinausgeht.

Besonders unterhaltsam formuliert ist »Überhitzt« nicht, Humor sucht man – vielleicht angesichts des ernsten Themas – weitgehend vergebens. Dafür ist es gut verständlich und leicht lesbar, die Handschrift einer Journalistin erkennt man deutlich. Mal zitieren die Autorinnen Studien, mal kommen Fachleute zu Wort, mal wird es mit den Erfahrungen betroffener Personen persönlich und lebendig, aber eben auch anekdotisch. Der Fließtext wird häufig durch längere Interviews oder vereinzelte Diagramme, Grafiken oder Tabellen unterbrochen. Klar wird so auch, dass die Autorinnen – obwohl auf dem Gebiet gut bewandert – nicht bei jedem Thema selbst Expertinnen sind, sondern Fachwissen recherchiert und zusammengetragen haben. Das ist durchweg solide und nachvollziehbar gelungen.

Spannend sind die zusammengetragenen Fakten allemal. Traidl-Hoffmann und Trippel ordnen Extremereignisse ein (»Der Hitzesommer 2003 war die tödlichste Naturkatastrophe der vergangenen hundert Jahre in Europa«) oder erläutern wenig bekannte Phänomene wie das Gewitter-Asthma (»Ohne jede Vorwarnung wurden auch Frauen, Männer und Kinder von Asthmaattacken heimgesucht, die vielleicht Heuschnupfen kannten, aber bis dahin nie unter Kurzatmigkeit, Reizhusten oder Atemnot gelitten hatten«). Bis 2050 sollen Gewitter in Europa 20 bis 30 Prozent häufiger auftreten. Überhaupt ist es eine Leistung des Buchs, dass bestimmte Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Gesundheit bekannter werden – vom Eichenprozessionsspinner über Zeckenstiche bis zum Allergikerschreck Ambrosia, einer hochallergenen Pflanze.

Es überrascht wenig, dass Deutschland die Verantwortung für Präventions- und Reaktionsprogramme gegen Hitzewellen hin und her schiebt, anstatt wie andere Länder konsequent zu handeln. Von anderen Aspekten, welche die Autorinnen zusammengetragen haben, hätte man zumindest innerhalb der jeweiligen Branche mehr Bekanntheit erwartet. So sorgt sich der Mediziner Christian Witt in »Überhitzt« um ältere Leute: »Sie nehmen fast alle Medikamente, die bei normalen Temperaturen getestet wurden und helfen«, doch Wirkung und Dosis können bei Hitze eine ganz andere sein. Welcher Arzt, welche Ärztin weist darauf hin – und ist das dem Personal in Kranken- und Pflegeheimen immer bewusst?

Lesenswert ist neben all den Fakten, wie falsch Mittel zur Anpassung allokiert werden: »Unsere Gesellschaft ist bereit, Milliardenbeträge auszugeben, um sich vor bestimmten klimabedingten Gefahren zu schützen, während auf andere klimabedingte Gesundheitsrisiken, beispielsweise Hitze oder auch Allergien, bislang kaum reagiert wird.« Wer daher verstehen möchte, wie die Klimakrise schon heute auf uns wirkt, wo Politik und Verwaltung versagen und wie wir – nicht nur durch konsequentem Klimaschutz – weitere Folgen abschwächen können, der findet in »Überhitzt« viele gute Antworten auf engem Raum.

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