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In gut zehn Jahren dreimal um den Globus

Dieser Bildband präsentiert James Cooks Forschungsreisen – leider nicht durchweg gelungen.

James Cook (1728-1779) ist einer der größten Entdecker aller Zeiten. Binnen gut eines Jahrzehnts umsegelte er dreimal die Welt. Der Anthropologe und Historiker Nicholas Thomas hat nun einen prachtvoll illustrierten Band herausgegeben, der Cooks abenteuerliche Reiseerlebnisse anhand von Tagebucheinträgen dokumentiert. Hinzu kommen ausgewählte Texte seiner Reisebegleiter – etwa des Deutschen Georg Forster.

Thomas, der sich seit Jahrzehnten mit dem pazifischen Raum beschäftigt, ist Direktor am Museum für Archäologie und Anthropologie der Universität Cambridge. In seiner Einführung, aber auch in den Begleittexten und Bildunterschriften des Bands betont er mehrfach, welch großen Einfluss Cooks Entdeckungsreisen auf Wissenschaft, Kunst und Literatur nahmen. Nie zuvor hatte jemand den Pazifik genauer kartografiert, mehr Inseln entdeckt und deren Bewohner mit wacherem Interesse beschrieben. Erstmals wurde auf seinen Expeditionen die Flora und Fauna Australiens, Neuseelands und anderer Regionen wissenschaftlich dokumentiert. Die Begegnungen mit Bewohnern des pazifischen Raums konfrontierten zudem europäische Philosophen und Schriftsteller mit neuen Fragen und Themen.

Jeder der drei großen Cook-Expeditionen widmet sich ein rund 100 Seiten langes Kapitel. Bebildert ist das Ganze mit 200 meist farbigen Illustrationen. Sie zeigen Skizzen, Zeichnungen und Gemälde sowie See- und Landkarten der damaligen Zeit, aber auch Museumsstücke wie Werkzeuge, Waffen, Haushalts- und Kultgegenstände. Fotos heutiger Landschaften und ihrer Bewohner kommen ergänzend hinzu.

Auf der Jagd nach dem Venustransit

Kapitel eins befasst sich mit der Reise der »Endeavour« (1768-1771), die darauf abzielte, in einer international angelegten Messkampagne den Durchgang der Venus vor der Sonnenscheibe zu beobachten. Die Beobachtung des Transits auf Tahiti ermöglichte es, die Entfernung Erde-Sonne genau zu bestimmen und damit auch die Abstände aller übrigen Planeten zu berechnen. Hinzu kamen zwei Geheimaufträge der Admiralität: Cook und seine Begleiter sollten südlich des 40. Breitengrads nach dem sagenumwobenen Südkontinent »Terra Australis incognita« suchen und die von Spanien geheim gehaltene Existenz der Torres-Straße (zwischen Australien und Neuguinea) bestätigen.

Mit der Reise der »Resolution« und der »Adventure« (1772-1775), die der weiteren Erforschung der Südsee diente, befasst sich das zweite Kapitel. Cook segelte im Zickzackkurs entlang des 60. Grads südlicher Breite und konnte damit die Existenz eines großen Südkontinents ausschließen. Er überquerte als Erster den südlichen Polarkreis und verfehlte denkbar knapp die Entdeckung der Antarktis. Die bildliche Dokumentation oblag dem Maler William Hodges, während zu den wissenschaftlichen Begleitern zwei Deutsche gehörten: Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg. Dessen Reisebericht – in dem Band erfreulich ausführlich wiedergegeben – gilt sowohl wissenschaftlich als auch literarisch als die anspruchsvollste Reisebeschreibung aller drei Cook-Expeditionen.

Kapitel drei schließlich behandelt die Reise der »Resolution« und »Discovery« (1776-1780), die der Erkundung der nördlichen Pazifik-Atlantik-Verbindung galt. Mit an Bord war der Maler John Webber. Wegen des auch im Sommer stark aufkommenden Packeises konnte Cook lediglich in die Nordwestpassage hineinsegeln, sie jedoch nicht vollständig durchfahren. Zum Winter hin zog sich die Expedition nach Hawaii zurück, wo Cook bei Feindseligkeiten zwischen Europäern und Hawaiianern ums Leben kam.

Nicht zuletzt wegen der Illustrationen von Hodges und Webber gehören Cooks Berichte sowie die seiner Begleiter – allen voran Georg Forster – zu den populärsten Reiseschilderungen aller Zeiten: »Sie erweckten die Orte, die sie besuchten, die Gefahren und die Dramatik der Reise in bemerkenswert lebendigen Worten zum Leben.« Aus dem Werk geht deutlich hervor, welch große seemännischen Leistungen die Expeditionsteilnehmer vollbrachten, welche Risiken sie eingingen, welche Strapazen sie durchlitten und wie abenteuerlich die Begegnungen mit exotischen Völkern für sie waren. Selbst nach fast 250 Jahren sorgen die Originaltexte und Abbildungen noch für faszinierende Lektüre.

Leider gilt dies für die Begleittexte des Herausgebers nur bedingt. Sie verärgern mit Ungereimtheiten und Versäumnissen: Mal nennen sie den wissenschaftlichen Erstbeschreiber einer Pflanzen- oder Tierart, mal nicht. Mal erscheint der Künstlername bei Zeichnungen oder Gemälden, mal nicht. John Webber mutiert gelegentlich zu James Webber, und der König von Tahiti, im Fließtext stets Otoo genannt, tritt uns unter seinem Porträt plötzlich als »König Pomare« entgegen. Dass es sich hier tatsächlich um die gleiche Person handelt, wissen wirklich nur Kenner der Materie.

Geradezu albern erscheint die Bebilderung des Augenzeugenberichts über Cooks Tod. Während der Text davon handelt, wie Cook am Palmenstrand von Hawaii um sein Leben kämpfte, zeigen die Abbildungen ein Trockengestell für Fisch in der Kamtschatka-Region und ein Schlittenhundgespann. Begründet wird dies damit, dass die Nachricht von Cooks traurigem Ende von Kamtschatka aus über den Landweg nach England gelangt sei.

Der Herausgeber versäumt mehrfach, die epochalen Leistungen Cooks zu konkretisieren. So bleibt unerwähnt, dass Cooks Seekarten derart präzise waren, dass sie mitunter noch bis in die 1970er Jahre hinein für Lotsendienste brauchbar waren. Auch erfahren die Leser nicht, dass Cooks zweite Expedition mit mehr als 300.000 Kilometern bis dahin die längste Forschungsreise der Menschheitsgeschichte war, übertroffen erst von der Raumfahrt.

Der sonst so wundervolle Band hätte allemal ein sorgfältigeres Lektorat verdient.

05/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 05/2019

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