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Von römischem Blei zum Ende fossiler Brennstoffe

Wie entwickelte sich die gegenseitige Beeinflussung von Mensch und Umwelt in Deutschland? Die historische Ökosystemforschung gibt spannende und lehrreiche Antworten.

Die Lebensbedingungen waren schlecht: Klimaveränderungen brachten zwischen 1310 und 1324 eine für die Landwirtschaft ungünstige, kalte Witterung nach Europa: Noch Ende Juni 1318 fiel in Köln Schnee. Missernten und eine Hungersnot in Oberitalien sowie im Heiligen Römischen Reich folgten. Zu allem Übel war 1313 noch ein Pestausbruch hinzugekommen. Etwa jeder zehnte Einwohner zwischen Nordsee und Alpenraum starb. Da der italienische Dichter Dante Alighieri (1265–1321) die Ereignisse in seine »Göttliche Komödie« aufnahm, gingen diese Jahre als »Dante-Anomalie« in die Geschichte ein.

260 Ereignisse seit der Römerzeit

Es sind Geschehnisse wie diese, die Hans-Rudolf Bork in seiner Umweltgeschichte behandelt. Er ist Professor am Institut für Ökosystemforschung der Universität Kiel und hat bereits 2014 (gemeinsam mit der Wiener Umwelthistorikerin Verena Winiwarter) die »Geschichte unserer Umwelt« veröffentlicht. Umfasste diese jedoch ausgewählte Beispiele aller Kontinente, so legt Bork in seinem neuen Buch den Fokus speziell auf den deutschen Raum: orientiert an dem Gebiet, das die Bundesrepublik Deutschland 2020 umfasst. Dazu arbeitet er 260 Ereignisse seit der Römerzeit auf.

Im ersten Teil des Buchs klärt der Autor zunächst einige Begrifflichkeiten. Er präsentiert eine weit gefasste Umweltdefinition: Zu ihr gehören die Mitmenschen und alles vom Menschen Geschaffene; ebenso Natürliches wie Luft und Wasser, Böden und Gesteine, Tiere und Pflanzen sowie deren Ökosysteme. All diese Dinge beeinflussen den Menschen, werden ihrerseits beeinflusst und wirken wieder zurück. Das dynamische System befindet sich in permanenter Veränderung.

Der zweite Teil des Buchs bietet chronologisch geordnete Schlüsseldaten einer deutschen Umweltgeschichte. So lässt sich bereits für die Römerzeit zwischen 20 v. Chr. bis 220 n. Chr. eine hohe Bleibelastung der Atmosphäre in der Eifel nachweisen. Die Schadstoffe entstanden beim Abbau und der Verhüttung von Blei, gelangten in die Atmosphäre und von dort über den Regen in Bodensedimente. Man kann sie noch heute am Grund der Eifelmaare (kleine, vulkanisch entstandene Seen) finden. Isotopenuntersuchungen lassen auf die Bleigruben und Verhüttungsstandorte im Raum Aachen-Stolberg, Kall in der Nordeifel, im Bergischen Land und östlich des Sauerlands schließen.

Neben vielen weiteren Ereignissen thematisiert Bork die umwelthistorischen Baufolgen des Obergermanisch-Raetischen Limes durch die Römer, die Ursachen und Auswirkungen der Magdalenenflut 1342, Bekämpfungsmaßnahmen gegen Heuschreckenplagen in Mittelalter und früher Neuzeit, Umweltschäden des 19. Jahrhunderts durch die Industrialisierung, den Betrieb von Hochöfen und den Eisenbahnbau oder die katastrophale Cholera-Epidemie im Hamburg der 1890er Jahre.

Auch weit entferntes Geschehen wie die Explosion des Vulkans Tambora von 1815 auf der indonesischen Insel Sumbawa finden Erwähnung. Denn die Auswirkungen von bis zu 150 Kubikkilometer Asche und 100 Megatonnen giftiger Aerosole, die in die Atmosphäre geschleudert wurden, spürte man selbst in Europa und in den deutschen Ländern. Die Schadstoffe verringerten die Sonneneinstrahlung so sehr, dass 1816 als das »Jahr ohne Sommer« gilt: mit äußerst kalter Witterung, Missernten und einem Anstieg der Brotpreise.

Bork legt mit seinem Buch eine fundierte Umweltgeschichte vor, die auch den aktuellen Dieselskandal, die Suche nach einem Atommüll-Endlager für hochradioaktive Abfälle bis 2031 und das Ende der Kohleverstromung bis 2038 umfasst. Zu natürlichen Ereignissen wie Klimaschwankungen kommen menschengemachte Umwelt- und Klimaschäden, die natürliche Extremereignisse wie Überschwemmungen sogar noch verstärken können.

Angesichts der verheerenden Umweltentwicklungen im 21. Jahrhundert möchte Bork mit seinem Werk wachrütteln. Daher widmet er sich im dritten Teil der Frage, was zum Schutz der Umwelt zu tun ist: etwa die Bodenbelastung, die Belastung durch Kunststoffe, Lärm oder den Verlust des Lebensraums für Pflanzen und Tiere drastisch zu mindern.

So richtig und erstrebenswert diese Ziele auch sind, umso fraglicher darf dem Leser der politische und öffentliche Wille zur Umsetzung erscheinen. In der aktuellen Covid-19-Pandemie sehnen sich beispielsweise viele Menschen nach ihrer gewohnten Normalität. Doch die Umsetzung des verständlichen Wunsches kann sich schnell zu Lasten der Umwelt auswirken, etwa im weltweiten Reiseverkehr. Wohin allerdings politische Verzögerungstaktiken oder eine Vogel-Strauß-Politik führen können, zeigt nicht zuletzt die schwere Hamburger Cholera-Epidemie: Damals trug das zögerliche Verhalten der Behörden zu einer Katastrophe bei, die weit über 8000 Todesopfer forderte.

Bork legt eine gelungene, strukturiert und detailreich geschriebene sowie durch viele Abbildungen anschaulich gestaltete Darstellung vor. Angesichts der Gliederung des Hauptkapitels in kurze chronologische Einzelabschnitte, die ihrerseits in historischen Entwicklungsepochen zusammengefasst sind, sowie durch das umfangreiche Namens- und Sachregister bieten sich dem Leser verschiedene Nutzungsmöglichkeiten des Buchs: Die chronologische Lektüre ist ebenso möglich wie der gezielte Zugriff auf Einzelpochen oder das Nachschlagen bestimmter Daten. Zudem bietet das umfangreiche Literaturverzeichnis viele Vertiefungsmöglichkeiten.

Das informative Werk empfiehlt sich sowohl für den an Umweltthemen und deutscher Geschichte interessierten Laien als auch für Historiker und Naturwissenschaftler, wobei thematische Vorkenntnisse empfehlenswert sind.

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