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»Unser kreatives Gehirn«: Die Neurobiologie der Kunst

Die vermeintliche Nähe von »Genie und Wahnsinn« erkundet Mario de la Piedra Walter mit den Mitteln der Neurowissenschaft. Ein ebenso origineller wie anspruchsvoller Ansatz.

Der mexikanische Arzt und Neurologe Mario de la Piedra Walter legt ein unkonventionelles, aber durchaus interessantes Buch zur Hirnforschung vor. »Unser kreatives Gehirn« (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Buch von Dick Swaab aus dem Jahr 2017) kann dem Autor zufolge auf unterschiedliche Weise gelesen werden: zum einen als Werk zu neurowissenschaftlichen Korrelaten kognitiver Prozesse mit einem Bezug zur Kunst, zum anderen als Buch über Kunst, das Aussagen über die Neurowissenschaft trifft. »Ziel ist es, neben dem der Unterhaltung, ein umfassenderes Panorama der verschiedenen kognitiven Prozesse vorzustellen sowie dessen, was wir unter Kunst verstehen«, so der Autor. Die zwölf Kapitel lassen sich weitgehend unabhängig voneinander verstehen; so kann das Werk auch als eine Art Lesebuch genutzt werden.

Den Einstieg bildet die Geschichte des Pathologen Thomas Harvey, der fast sein Leben lang – weitgehend ergebnislos – an Einsteins Gehirn geforscht hat (nachzulesen auch im Roman »Unterwegs mit Mr. Einstein« von Michael Paterniti, der im vorliegenden Buch jedoch merkwürdigerweise nicht erwähnt wird). Im Weiteren geht es um sehr unterschiedliche Aspekte unseres Denkens, Fühlens und Verhaltens. Dargestellt werden etwa Befunde zu unserer Erinnerung und den Gedächtnisfunktionen, zu den funktionellen Unterschieden der beiden Großhirnhemisphären, zu »Psychodelika und [den] Pforten der Wahrnehmung«, zu »Epilepsie und mystische[r] Erfahrung« oder »Trauma und Resilienz«. Das Kapitel »Musik sehen und Worte schmecken« veranschaulicht, wie Sinneswahrnehmungen miteinander verschmelzen, sodass Musik gesehen oder Farben geschmeckt werden.

Von Borges bis Woolf, von Dix bis Warhol

Die Beziehungen zwischen geistigen Prozessen, ihren neurologischen Störungen und dem künstlerischen Schaffen werden an zahlreichen Beispielen plastisch illustriert. Dabei geht es um Schriftsteller wie Jorge Luis Borges, Fjodor Dostojewski, Sylvia Plath, Anne Sexton oder Virginia Woolf oder Maler wie Otto Dix, Frida Kahlo, Wassily Kandinsky oder Andy Warhol. Bei jedem dieser Künstler gibt es bestimmte Auffälligkeiten, die lebendig dargestellt werden. So erlitten Otto Dix und Anton Räderscheidt einen Schlaganfall, der jeweils ihre Wahrnehmung und damit ihren Malstil veränderte. »Denn die Dinge sind nicht immer das, was wir sehen.«

Zusammenfassend stellt der Autor fest, dass »sich menschliche Fähigkeiten, die lange Zeit als göttliche Gabe galten, lediglich als biologische Phänomene« erweisen. Diese sind »wenngleich komplex, doch nicht unergründlich«, auch wenn sie an die Aristoteles zugeschriebene Bemerkung erinnern mögen: »Es gibt kein Genie ohne einen Hauch von Wahnsinn.«

Anatomie und Biochemie des Gehirns

Den Darstellungen der künstlerischen Aspekte des Themas kann man leicht folgen. Etwas anders sieht es mit Blick auf die neurophysiologischen und neuroanatomischen Beschreibungen aus. Laien dürften sich hier vermutlich häufig überfordert fühlen, denn so manche medizinischen Details und wissenschaftlichen Fakten werden hier als bekannt vorausgesetzt. Mit anatomischen Strukturen wie Amygdala, Hippocampus, Mamillarkörper oder Hypothalamus und den sehr komplexen Schaltkreisen des Gehirns dürften nicht alle Leser vertraut sein. Ähnlich verhält es sich mit der vielfältigen Wirkung und Wechselwirkung von Botenstoffen beziehungsweise Neurotransmittern wie Serotonin, Glutamat oder Dopamin sowie der Funktion von NMDA-Rezeptoren. Hier wäre ein eigenständiges Kapitel zu den neurophysiologischen Fachbegriffen oder ein ausführliches Glossar hilfreich gewesen. So bleibt Lesern ohne Vorwissen nur die Möglichkeit, sich an anderer Stelle über Aspekte der Neurophysiologie und -anatomie zu informieren, die ihnen nicht vertraut sind.

Doch die Mühe lohnt sich. Denn insgesamt ist »Unser kreatives Gehirn« ein lesenswerter und interessant geschriebener Beitrag, der die Zusammenhänge zwischen kulturellen Leistungen und den zugrunde liegenden neurophysiologischen Mechanismen erhellt.

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