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»Unsere Überlebensformel«: Ernst, aber keineswegs hoffnungslos

Zu allen Aspekten der ökologischen Krise präsentiert der Journalist Ulrich Eberl technische Antworten. Eine Rezension
Kristallkugel vor Landschaft

Noch so ein Buch über die weltweite Umweltkrise? Müssen wir uns nicht ohnedies tagtäglich anhören, dass es demnächst zu spät sein wird, den Planeten zu retten? Was also hat uns Ulrich Eberls »Überlebensformel« Neues zu sagen?

Eine ganze Menge! Der Autor trägt mit Bienenfleiß Daten, Fakten und wissenschaftlich-technische Lösungsansätze zusammen. Statt den Leser mit der Fülle an Informationen zu erschlagen, gelingt es ihm dabei, ein abwechslungsreiches Panorama zu entwerfen, das weder das Ausmaß der Probleme unterschlägt noch billigen Optimismus verbreitet.

Für jede Krise eine Lösung parat

»Um das große Puzzle an Lösungen, die zusammenpassen müssen, geht es in diesem Buch, um inspirierende Ideen und die Köpfe dahinter.« In neun Kapiteln behandelt der Journalist Eberl die Aspekte der globalen Krise – von der Energieversorgung über Verkehr, Urbanisierung, Konsum und Recycling, Artensterben, Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Digitalisierung bis zur schwierigen Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen.

Zu jedem Problembereich stellt er Lösungen vor; manche sind bereits in der praktischen Erprobung, andere muten noch wie Sciencefiction an. Beispielsweise bricht Eberl beim Thema individuelle Mobilität eine Lanze für das Elektroauto, dem er entgegen mancher Kritik eine positive Ökobilanz bescheinigt. Aber er malt auch den Einsatz unbemannter Flugtaxis aus und eine Art Rohrpost für superschnellen Personenverkehr sowie einen Weltraumlift, der nach dem Prinzip der Seilbahn funktionieren soll. An all diesen Projekten wird tatsächlich schon heute geforscht.

Ein oft unterschätzter Klimafaktor ist die Bauwirtschaft: »Beton ist Gift für den Klimaschutz, denn die Zementindustrie verursacht (…) sechs bis sieben Prozent der CO2-Emissionen aus Kohle, Öl und Erdgas und (das) ist mehr, als der Luft- und Schiffsverkehr zusammen ausstoßen.« Doch auch da werden umweltschonende Produktionsweisen erprobt. Zudem experimentiert man mit dem Einsatz von Kohlefasern an Stelle von Eisenstäben in Stahlbeton, um den Energieverbrauch und die CO2-Emmissionen bei der Herstellung des »Carbonbetons« etwa zu halbieren. Geradezu euphorisch wird Eberl angesichts der ersten Beispiele für Holzhochhäuser, denen er einen Boom vorhersagt, da solche Gebäude als CO2-Senken wirken.

Bei aller Begeisterung für umweltfreundliche Technologien verschweigt Eberl nicht die Probleme, die ihr Einsatz mit sich bringt. Beispielsweise ist die »Smart City« ein teilweise utopisches urbanes System, in dem Smart Homes, Smart Cars und Smart Grids – »intelligente« Energienetze – mit ihren Sensoren alles und jedes messen und per künstlicher Intelligenz optimal abstimmen. So lassen sich Energieverschwendung, Müllberge und Verkehrsstaus minimieren. In der Smart City Songdo in der Nähe von Südkoreas Hauptstadt Seoul wird so etwas schon ausprobiert. Allerdings beschwört die intelligente Stadt zugleich auch das Gespenst der totalen Überwachung herauf, vergleichbar mit dem »sozialen Kreditsystem« Chinas, wo das Wohl- beziehungsweise Fehlverhalten einiger Bürger nach einem Punktesystem evaluiert und gegebenenfalls sanktioniert wird.

Wer jede Form von Verhaltenssteuerung – ob durch wirtschaftliche Anreize, soziale Nachteile oder sanften Schubs (»Nudging«) – ablehnt, sollte sie allerdings gegen die Folgen eines weiterhin ungehemmten ökologischen Fehlverhaltens abwägen: »Wenn in Zukunft die Ozeane ähnlich stark überfischt werden wie heute, ist die Vorhersage nicht ganz absurd, dass man in ihnen bald mehr Plastik finden wird als Fische. Alle Fische in den Meeren wiegen geschätzt 450 Millionen Tonnen, der Plastikmüll 86 Millionen Tonnen, und die beiden Zahlen bewegen sich aufeinander zu.«

Ein besonders spannender Abschnitt in Eberls Buch befasst sich mit künstlicher Fotosynthese – dem Versuch, die Nutzung der Sonnenenergie im Chlorophyll der Pflanzen biotechnisch zu kopieren und letztlich in industriellem Maßstab zu nutzen. Hier kommt dem Autor zugute, dass er selbst seinerzeit eine Doktorarbeit über die Biophysik der Fotosynthese geschrieben hat.

Nicht bloß als faktenbasierte Darstellung der Probleme überzeugt das Buch, sondern vor allem durch die Präsentation von aussichtsreichen Techniken oder zumindest viel versprechenden wissenschaftlichen Forschungsansätzen. Freilich bleibt am Ende gerade angesichts all der Chancen die Frage offen, warum die praktische Umsetzung so sehr lahmt.

Außer der Macht schlechter Gewohnheiten, gegen die gute Beispiele und überzeugende Vorbilder helfen mögen, wären hier die hemmenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu untersuchen: soziale Ungleichheit in und zwischen den Staaten, kurzsichtige Egoismen sowie – am allerschlimmsten – die Zerstörung von Leben und Umwelt durch Kriege. Aber das würde wohl ein eigenes Buch erfordern.

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