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Wenn das große Krabbeln fehlt

"Die meisten meiner Bekannten freuen sich, wenn ihnen kein Insekt über den Weg läuft – ohne zu wissen, dass sie damit das Fenster zu einer Wunderwelt verschlossen halten." Sagt Mario Markus in einem Interview, das in seinem neuen Werk "Unsere Welt ohne Insekten?" abgedruckt ist. Mit dem Buch wolle er versuchen, dieses Fenster für möglichst viele zu öffnen. Und er wolle erreichen, dass den Menschen der fortschreitende Schwund der Insektenarten nicht mehr egal ist.

Mancher Leser mag sich fragen, inwieweit die Welt der Insekten ein Wunder darstellt. Sind Käfer, Schmetterlinge, Zikaden und Co. tatsächlich so bemerkenswert? Und – sind sie wichtig für uns und unsere Umwelt? Markus, der am Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie in Dortmund arbeitet, will seine Leser die Antwort selbst finden lassen. Dazu nimmt er sie mit auf eine literarische Exkursion durch die Klasse der Kerbtiere. Er präsentiert zahlreiche Einzelbeschreibungen aller möglichen Insekten, sowohl in Deutschland als auch anderswo lebende.

Rekorde im Tierreich

Etliche von ihnen können für den Menschen nützlich sein, wie Markus schreibt – beispielsweise als Fruchtbestäuber wie Hummeln und Bienen oder als Chitin-Lieferanten wie diverse Käferarten. Andere weisen verblüffende Eigenschaften und Fähigkeiten auf. Die nur 5 bis 10 Millimeter großen Kotkäfer Onthophagus taurus nutzen Dung als Nahrungsquelle für ihre Larven – und imponieren mit ihrer Leistung, Kotkugeln zu rollen, die mehr als tausendmal so schwer sind wie sie selbst. Exemplarisch seien auch die zierlichen Wiesenschaumzikaden genannt. Sie sind nur wenige Millimeter lang, springen aus dem Stand aber 70 Zentimeter hoch; kein anderes Lebewesen der Welt kann in Relation zur eigenen Körpergröße so hoch hüpfen. Ihre sagenhaften Hopser (sie entsprächen beim Menschen 200-Meter-Sätzen) gelingen ihnen, indem sie sich mit 400-facher Erdbeschleunigung nach oben katapultieren. "Extremisten" sind auch die Monarchfalter. Die hübschen nordamerikanischen Schmetterlinge verlassen jedes Jahr ihr Sommerquartier, um nach einer unglaublichen Flugstrecke von bis zu 4800 Kilometer in einem extrem eng begrenzten Gebiet innerhalb der Vulkanberge der mexikanischen Sierra Nevada zu überwintern.

Weiter geht Markus darauf ein, wer unter den Kerbtieren wen fängt, wer wen frisst und auf welche Weise. Ebenso beleuchtet er zahlreiche, oft kuriose Fortpflanzungsstrategien. Einige Insekten erwähnt der Autor gleich mehrfach, etwa die faszinierenden Bienen. Unter anderem beschreibt er ihre "Tänze", mit denen sie untereinander kommunizieren, sowie ihre tatsächlich hörbaren Gesänge. Letztere ertönen in neuen "Kolonien", nachdem mehrere mit Gelée Royale gefütterte Larven um die Position der Königin gekämpft haben und daraus eine Siegerin hervorgegangen ist. Und wer hätte gedacht, dass männliche Bienen von nicht-staatenbildenden Arten manchmal eine Vorliebe für Körperflüssigkeiten wie menschliche Tränen entwickeln? Die Tiere, erläutert der Autor, geben die darin gelösten Elektrolyte an die Weibchen weiter, was eine erfolgreiche Eiablage begünstigt.

Eine Tierklasse in Bedrängnis

Im dritten Teil des Buchs geht der Autor auf den Artenschwund bei den Insekten ein und erörtert die einschlägigen wissenschaftlichen Zusammenhänge. Er nennt die wichtigsten Ursachen für das massenhafte Sterben, seien es die Einschleppung gebietsfremder Arten, die zunehmende künstliche Aufhellung bei Nacht oder den unsachgemäßen Einsatz von Bioziden und Pestiziden. Anschließend stellt der Autor alternative Lösungsansätze vor, etwa die biologische Schädlingsbekämpfung oder den Einsatz von Viren.

Streckenweise wirkt das Buch etwas kurzatmig und oberflächlich, manchmal auch nicht ganz schlüssig. Zum Beispiel erwähnt Markus bei den "Bienengesängen" nicht, dass die Tiere sie durch Schwingungen der Waben erzeugen. Für Verwirrung sorgt zudem, dass es in dem Werk – anders, als der Buchtitel suggeriert – auch um Krebstiere und Spinnen geht. Auf der anderen Seite punktet Markus mit originellen, neugierig machenden Überschriften, etwa "Prioritäten setzen – Erst die Leiche, dann die Liebe". Die vielen Fotos in seinem Buch sind ebenfalls hervorragend, leider nur oft etwas klein und nicht direkt den zugehörigen Textstellen zugeordnet.

Für viele Menschen war und ist Rachel Carsons 1962 veröffentlichter Klassiker "Der stumme Frühling" ein Schlüsselerlebnis. Zu erschreckend schien damals die Vorstellung, dass durch massiven Pestizid-Einsatz plötzlich keine Vögel mehr zu hören sein könnten. Das Verstummen der Insekten ist zwar leiser und weniger auffällig – darum aber noch lange nicht weniger schlimm. Markus gelingt es in seinem Buch trotz alledem, dies deutlich zu machen.

44. KW 2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 44. KW 2014

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